Impf- und Präventionsstrategien gegen COVID-19 bei Multipler Sklerose unter krankheitsmodifizierender Therapie

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Bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS), die eine krankheitsmodifizierende Therapie („Disease Modifying Therapy“/DMT) erhalten, sollte die humorale und zelluläre Immunantwort nach COVID-19-Impfung überwacht werden. Betroffene mit schlechter zellulärer Reaktion könnten nach Einschätzung von Medizinerinnen und Medizinern der Universität Münster [1] von zusätzlichen Impfzyklen profitieren. Wird eine unzureichende Antikörperantwort aufgebaut, empfiehlt sich eine Antikörpertherapie im Falle einer SARS-CoV-2-Infektion.

In einer prospektiven Studie [1] wurde die Immunantwort von insgesamt 41 MS-Patienten und -Patientinnen und 30 gesunden Kontrollen nach Impfung gegen SARS-CoV-2 verglichen. Als DMT waren Interferon beta, Natalizumab oder Ocrelizumab eingesetzt worden. Gesunde und Betroffene unter Beta-Interferon-Therapie bauten eine robuste humorale und zelluläre Immunantwort gegen das Virus auf. Bei mit Natalizumab Behandelten war die zelluläre und unter Ocrelizumab die humorale Immunantwort eingeschränkt.

Je nachdem, wie eine DMT wirkt, scheint die Wirksamkeit der Impfung in unterschiedlichem Maße beeinträchtigt zu werden. Interferon beta ist ein pleiotroper Immunmodulator, Ocrelizumab gehört zu den B-Zell-depletierenden Therapien und Natalizumab beeinflusst die Lymphozytenmigration. Erwartungsgemäß konnten Menschen unter B-Zell-depletierender Therapie keine ausreichenden Antikörperspiegel gegen SARS-CoV-2 generieren. Dafür war ihre zelluläre Immunantwort erhalten. Da noch unklar ist, inwiefern diese tatsächlich vor einem schweren COVID-19-Verlauf schützt, sollten sich MS-Patientinnen und -Patienten, die eine B-Zell-depletierende Therapie erhalten, bei einer Infektion monoklonale Antikörper wie Bamlanivimab, Etesevimab, Casirivimab, Imdevimab oder Sotrovimab erhalten.

Während die Immunantwort unter Beta-Interferon bei Covid-19-Impfung sowie auch bei Influenza-Impfung unbeeinträchtigt war, ist die Datenlage zum Impfansprechen unter Natalizumab uneinheitlich. Die im Vergleich zu Gesunden deutlich reduzierte zelluläre Immunantwort nach COVID-19-Impfung könnte außer mit direkten Wirkungen auf die T-Zell-Aktivierung – durch Beeinträchtigung der Antigenpräsentation und Kostimulation – und indirekt durch Stärkung regulatorischer Lymphozyten auch auf wenige bekannte Nebeneffekte der VLA-4-Blockade zurückzuführen sein. Da deshalb womöglich der Langzeitschutz gegen SARS-CoV-2 beeinträchtigt ist, ziehen die Autorinnen und Autoren unter Natalizumab zusätzliche Booster-Impfungen in Betracht.

[1] Trümpelmann S, Schulte-Mecklenbeck A, Steinberg OV et al. Impact of disease-modifying therapies on humoral and cellular immune-responses following SARS-CoV-2 vaccination in MS patients. Clin Transl Sci. 2022 Feb 25.

https://ascpt.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/cts.13256

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