Hohe Rate epileptiformer EEG-Veränderungen bei schwer kranken COVID-19-Patienten und -Patientinnen

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Eine retrospektive Studie [1] mit 197 hospitalisierten COVID-19-Patienten/-Patientinnen, bei denen eine kontinuierliche Elektroenzephalographie (cEEG) medizinisch indiziert war, deckte bei der Hälfte epileptiforme Störungen auf. Nur 19,3% hatten unmittelbar vor oder während der Hospitalisierung klinisch manifeste  Krampfanfälle oder darauf verdächtige Symptome gehabt. Bei den meisten waren ZNS-Erkrankungen oder metabolische Risikofaktoren vorbekannt. Anfallsmuster im cEEG waren mit einer vierfach erhöhten Mortalität assoziiert.

Die Daten wurden anhand der Patientenakten und cEEG-Aufzeichnungen an neun Zentren in Nordamerika und Europa erhoben [1]. Überwiegend handelte es sich um schwer an COVID-19 erkrankte Patienten: 82% wurden invasiv beatmet, und die Mortalität betrug 37%. Indikationen für das cEEG waren in 61% Bewusstseinsstörungen, in 26% abnorme Bewegungen oder andere flüchtige Symptome und in 9% klinisch beobachtete Krampfanfälle.

Das cEEG dokumentierte in 10% epileptische Aktivität, davon in 6% einen nicht-konvulsiven Status epilepticus (NCSE). Insgesamt hatten 49% der Untersuchten epileptiforme Veränderungen. Signifikant mit cEEG-Anfällen und NCSE assoziiert waren vorangegangene klinisch manifeste Anfälle während des Krankenhausaufenthalts. So hatten unter den Patienten mit elektroenzephalographisch aufgezeichneten Anfällen 36% bereits zuvor einen klinisch manifesten Anfall gehabt. Bei NCSE betrug die Rate 27%. Patienten mit vorbestehenden intrakraniellen Läsionen in der zerebralen Bildgebung hatten mehr als viermal häufiger einen NCSE als COVID-19-Patienten/-Patientinnen ohne Hirnläsion.

Die cEEG-Veränderungen waren prognostisch relevant: Die Wahrscheinlichkeit, mit der Patientinnen/Patienten nach 30 Tagen entlassen werden konnten, war deutlich geringer bei denen mit NCSE als ohne. NCSE waren aber, anders als sonstige Krampfanfälle im cEEG, nicht mit einer erhöhten, sondern tendenziell sogar mit einer niedrigeren Mortalität assoziiert. Von den Patienten mit cEEG-dokumentierten Anfällen starben 53% (im Vergleich zu 35% im Restkollektiv signifikant erhöht).

Da nur ein einziger Patient mit neu aufgetretenem tonisch-klonischem Krampfanfall im Rahmen einer COVID-19-Pneumonie weder intrakranielle Läsionen in der Bildgebung noch andere Risikofaktoren hatte, halten die Autoren einen direkten epileptogenen Effekt von COVID-19 nicht für wahrscheinlich. Eher sehen sie einen Zusammenhang mit der Schwere der Erkrankung, zumal die Studienergebnisse denen bei anderen kritischen Kranken ähnelten. COVID-19-Patienten/-Patientinnen haben häufig eine Hypoxie, Multiorganversagen, metabolische Veränderungen und manchmal auch eine akute Hirnschädigung, etwa infolge von Schlaganfällen oder Anoxie. Bei unklaren Bewusstseinsstörungen und motorischen Symptomen empfehlen die Autoren ein genaues neurologisches Monitoring, bei Bedarf einschließlich cEEG.

[1] Lin L, Al-Faraj A, Ayub N et al. Electroencephalographic Abnormalities are Common in COVID-19 and are Associated with Outcomes. Ann Neurol. 2021 Mar 11.

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ana.26060

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