Hintergrundinzidenzen zu COVID-19-Impfnebenwirkungen berechnet

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Mit dem Ziel, mögliche Komplikationen nach COVID-19-Impfung besser einordnen zu können, hat ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Hintergrundinzidenzen für 15 verschiedene Erkrankungen ermittelt, die bei der Impfung gegen SARS-CoV-2 als unerwünschte Ereignisse von besonderem Interesse („adverse events of special interest“, AESIs) gelten [1]. Dazu werteten sie 13 Datenbanken aus acht Ländern auf vier Kontinenten aus. Je nach Datenbasis, aber auch alters- und geschlechtsabhängig, variierten die Inzidenzen teilweise stark.

In ihrer multinationalen Netzwerk-Kohortenstudie [1] ermittelten die Forscherinnen und Forscher die Hintergrundinzidenzen von sowohl häufigen als auch seltenen Erkrankungen, die im Rahmen der Pharmakovigilanz nach COVID-19-Impfung zu den AESIs zählen. Dazu gehören unter anderem auch neurologische Erkrankungen wie hämorrhagischer und nicht-hämorrhagischer Schlaganfall, Fazialisparese, Narkolepsie, Guillain-Barré-Syndrom, transverse Myelitis und Enzephalomyelitis einschließlich der akuten disseminierten Enzephalomyelitis.

Auf Basis elektronischer Gesundheitsakten und gesundheitsbezogener Verwaltungsdaten, unter anderem auch aus Deutschland, wurden historische Datensätze von über 126 Millionen Menschen aus den Jahren 2016-2018 ausgewertet. Voraussetzung war, dass Beobachtungsdaten über jeweils 365 Tage vorlagen.

Auffällig war eine große Variabilität der Inzidenzen abhängig vom Alter und Geschlecht, was verdeutlicht, wie wichtig es ist, danach zu stratifizieren. So nahmen etwa die Inzidenzen von kardiovaskulären Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, tiefer Beinvenenthrombose und Lungenembolie erwartungsgemäß mit dem Alter zu. Ähnlich war es beim Guillain-Barré-Syndrom und bei der Fazialisparese, während Narkolepsie und Appendizitis – ebenfalls ein AESI – eher bei jüngeren Menschen beobachtet wurden.

Gleichzeitig zeigten sich aber teils erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Datenbasen. Fazialisparesen bei Menschen über 65 Jahren hatten nach Daten aus Italien eine Inzidenz von 4,6 auf 100.000 Personenjahre, nach US-Daten aber eine von 174 auf 100.000 Personenjahre. Bei Narkolepsien waren es in der Altersgruppe von 25-64 Jahren 31-38 auf 100.000 Personenjahre nach US-, aber nur 0,2-2,5 auf 100.000 Personenjahre bei Menschen gleichen Alters nach europäischen Daten.

Da diese Heterogenität zu systematischen Fehlern führen kann, sollten für die Einordnung von Impfnebenwirkungs- und Hintergrundraten möglichst die jeweils gleichen Datenbasen verwendet werden. Die spezifischen Schätzungen aus der Studie sind als interaktive Web-Applikation frei zugänglich und können dort nach Geschlecht, Alter und Datenbasis gefiltert werden [2].

 [1] Li X, Ostropolets A, Makadia R et al.: Characterizing the incidence of adverse events of special interest for COVID-19 vaccines across eight countries: a multinational network cohort study. medRxiv [Preprint]. 2021 Mar 28. doi: 10.1101/2021.03.25.21254315.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8010764/

[2] https://data.ohdsi.org/Covid19VaccineAesiIncidenceCharacterization/