Geruchs- und Geschmacksstörungen persistieren bei fünf Prozent der Betroffenen dauerhaft

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Laut einer großen Metaanalyse mit rekonstruierten Individualdaten von 3.699 Erkrankten mit COVID-19-assoziierten Störungen des Geruchs- und Geschmackssinnes ist rechnerisch bei 5,6% und 4,4% mit einer anhaltenden Funktionsstörung zu rechnen. Das Risiko ist vor allem bei Frauen erhöht. Eine stärkere Ausprägung zu Beginn und eine verstopfte Nase machen bleibende Riechschwierigkeiten wahrscheinlicher. Im Editorial zur Studie raten die Autoren zu frühzeitigem Riechtraining und plädieren dafür, die Chance zu nutzen, weitere Therapien gegen die Betroffene in ihrem täglichen Leben stark beeinträchtigenden Störungen zu erproben.

Die COVID-19-Pandemie hat Geruchs- und Geschmacksstörungen in den Fokus gerückt und schafft allmählich ein Bewusstsein dafür, dass Menschen dadurch nicht nur in ihrem Alltag beeinträchtigt, sondern auch gesundheitlich gefährdet sind. So weisen drei Mediziner aus den USA und Italien im Editorial [1] zu einer aktuellen Metaanalyse [2] darauf hin, dass nicht nur das Gefühls- und Sozialleben bis hin zu Depressionen beeinträchtigt sein kann, sondern auch die Ernährung und die Wahrnehmung von Gefährdungen aus der Umwelt, etwa durch Feuer oder Schadstoffe in der Luft. Subjektiv belastend sind auch Parosmien, bei denen meist zuvor angenehme Gerüche plötzlich abstoßend erscheinen.

Nach einer Modellierung aus den Ergebnissen der Metaanalyse ist Stand Juli 2022 weltweit von 15 und 12 Millionen Menschen mit anhaltenden Geruchs- beziehungsweise Geschmacksstörungen nach COVID-19 auszugehen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werteten rekonstruierte Individualdaten Erwachsener aus insgesamt 18 Studien aus. Die unter den Überlebenden ermittelten selbstberichteten Erholungsraten von Geruchsstörungen betrugen 30, 60, 90 und 180 Tage nach COVID-19 rund 74%, 86%, 90% und 96%. Bei den Geschmackstörungen waren es 79%, 88%, 90% und 98%. Der Geruchssinn erholte sich im Median nach 14,9 Tagen, der Geschmacksinn nach 12,4 Tagen. Im Vergleich zu Männern betrug die Wahrscheinlichkeit einer Erholung des Geruchssinns bei Frauen nur 52%, beim Geschmack waren es sogar nur 31%. Stark ausgeprägte Riechstörungen zu Beginn der Erkrankung und eine verstopfte Nase verringerten die Erholungswahrscheinlichkeit des Geruchssinns auf 48 % und 42%. Auch wenn sich die meisten Patientinnen und Patienten innerhalb der ersten drei Monaten erholen, betonen die Autorinnen und Autoren die Notwendigkeit, gefährdete Personen frühzeitig zu identifizieren, zu beraten und ihnen eine personalisierte Behandlung und langfristige Betreuung im Hinblick auf etwaige Folgeerscheinungen anzubieten.

Die Kommentatoren sehen in der Pandemie auch die Gelegenheit, die Pathogenese von Dysosmien und Dysgeusien näher zu erforschen und darauf basierend neue Therapiestrategien zu entwickeln. Bei COVID-19 scheinen die Stützzellen des olfaktorischen Neuroepithels pathogenetisch entscheidend zu sein. Bislang gebe es wenig evidenzbasierte Behandlungen. Wichtig sei der frühestmögliche Beginn eines Riechtrainings als einzige bisher bekannte spezifische Therapie für postinfektiöse Dysosmien. Dazu sollten sich Betroffene über mehrere Monate zweimal täglich für je 15 Sekunden intensiven Gerüchen aussetzen und versuchen, diese zu identifizieren. Üblicherweise werden hierzu Rose, Eukalyptus, Zitrone und Nelke verwandt. Intranasale Behandlungen, etwa mit Glukokortikoiden, Vitamin A, Alpha-Liponsäure und Omega-3-Fettsäuren werden ebenfalls getestet. Zur objektiven Erfassung von Riechstörungen sollten auch psychophysiologische Tests, etwa mit Sniffin' sticks, herangezogen werden. Funktionsstörungen werden sonst oft unterschätzt. Für Menschen nach durchgemachter COVID-19-Infektion konnten die Kommentatoren entsprechende Diskrepanzen in einer eigenen Studie belegen.

[1] Boscolo-Rizzo P, Polesel J, Vaira LA. Smell and taste dysfunction after covid-19. BMJ 2022; 378: o1653

https://www.bmj.com/content/378/bmj.o1653

[2] Tan BKJ, Han R, Zhao JJ, Tan NKW et al. Prognosis and persistence of smell and taste dysfunction in patients with covid-19: meta-analysis with parametric cure modelling of recovery curves. BMJ 2022; 378: e069503

https://www.bmj.com/content/378/bmj-2021-069503

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