Erstmanifestation einer Multiplen Sklerose nach mRNA-Impfung?

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Einzelfallberichte zum Auftreten von demyelinisierenden Erkrankungen bzw. einer Myelitis liegen sowohl für die COVID-19-Infektion selbst als auch für die SARS-CoV-2-Impfung mit einem Vektorimpfstoff vor. Eine aktuelle Publikation berichtet nun über die Erstmanifestation einer Multiplen Sklerose nach COVID-19-Impfung mit einer mRNA-Vakzine [1]. Ein direkt ursächlicher Zusammenhang wurde aber nicht nachgewiesen.

Nicht zuletzt wegen der erforderlichen immunmodulierenden Therapie sollten MS-Patientinnen/-Patienten eine SARS-CoV-2-Infektion vermeiden und sich impfen zu lassen. Dabei macht die Sorge, dass durch die Impfreaktion ein neuer MS-Schub ausgelöst werden könnte, viele Betroffene skeptisch gegenüber Impfungen. Die COVID-19-Impfempfehlung für MS-Patienten/-Patientinnen wird durch eine Sicherheitsstudie unterstützt, in der nach mRNA-Impfung die MS-Schubrate mit ungefähr 2% ähnlich war wie in einem vergleichbaren Zeitraum ohne Impfung [2]. Insgesamt wurden bisher drei Fälle einer Reaktivierung oder des Neuauftretens einer demyelinisierenden Erkrankung nach Impfung mit SARS-CoV-2-Vektorimpfstoffen beschrieben [3], beispielsweise eine Symptomatik ähnlich einer Neuromyelitis optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) nach Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin bei vorbestehender MS (wir berichteten). Das Paul-Ehrlich-Institut berichtete im April 2021 von dem Fall einer Myelitis nach SARS-CoV-2-mRNA-Impfung (BioNTech) [4].

In der aktuellen Kasuistik wird über eine möglicherweise Vakzine-assoziierte MS-Erstmanifestation nach mRNA-Impfung (BioNTech) berichtet [1]. Eine 28-jährige Frau entwickelte sechs Tage nach der zunächst gut vertragenen Impfung neuropathische Schmerzen und sensible Störungen (unterhalb Th 6) sowie eine Parese des linken Beines. Im MRT zeigten sich eine Läsion auf der Höhe Th 6, entsprechend einer Myelitis, sowie multiple disseminierte zerebrale Läsionen. Im Liquor bestand eine milde Pleozytose, oligoklonale Banden wurden nachgewiesen. Nach zwei Hochdosis-Glukokortikoid-Zyklen wurde wegen unvollständiger Remission eine Plasmaaustauschtherapie begonnen, was zur weiteren Besserung führte. Im vorliegenden Fall sei es praktisch unmöglich, zu unterscheiden, so die Autoren, ob die Impfung an der MS-Erstmanifestation beteiligt war oder es sich um eine reine zeitliche Koinzidenz gehandelt hat. Bei einer positiven MS-Familienanamnese (Cousin) halten die Autoren eine vorbestehende, subklinische inflammatorische Erkrankung des ZNS für wahrscheinlich.

COVID-19-Impfstoffe können in Einzelfällen möglicherweise autoimmune Prozesse anstoßen. Bei weltweit 1,37 Milliarden Impfdosen (Stand 14. Mai 2021) handelt es sich nach Ansicht der Autorinnen und Autoren aber um sehr seltene Einzelfälle. Häufiger sind hingegen Berichte über die Auslösung von MS-Schüben durch die COVID-19-Infektion selbst [5, 6].

[1] Havla J, Schultz Y, Zimmermann H et al. First manifestation of multiple sclerosis after immunization with the Pfizer-BioNTech COVID-19 vaccine. J Neurol 2021 Jun 11; 1-4

https://link.springer.com/article/10.1007/s00415-021-10648-w

[2] Achiron A, Dolev M, Menascu S et al. COVID-19 vaccination in patients with multiple sclerosis: what we have learnt by February 2021. Mult Scler 27:864–870

https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/13524585211003476

[3] Voysey M, Clemens SAC, Madhi SA et al. Oxford CVTG (2021) Safety and efficacy of the ChAdOx1 nCoV-19 vaccine (AZD1222) against SARS-CoV-2: an interim analysis of four randomised controlled trials in Brazil, South Africa, and the UK. Lancet 2021; 397:99–111

https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)32661-1/fulltext

[4] Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen nach Impfung zum Schutz vor COVID-19. 04.03.2021.  S. 12

https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/EN/newsroom-en/dossiers/safety-reports/safety-report-27-december-26-february-2021.pdf?__blob=publicationFile&v=9

[5] Sotoca J, Rodriguez-Alvarez Y. COVID-19-associated acute necrotizing myelitis. Neurol Neuroimmunol Neuroinflammation 2020.

https://nn.neurology.org/content/7/5/e803.long

[6] Garjani A, Meddleton R, Hunter R et al. COVID-19 is associated with multiple sclerosis exacerbations that are prevented by disease modifying therapies. Mult Scler Relat Disord 2021

https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.03.08.21253141v1.full.pdf

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