Erste Datenauswertung der neurologischen Post-COVID-19-Ambulanz der Charité-Universitätsmedizin

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Nach akuten SARS-CoV-2-Infektionen können verschiedene Beschwerden sowie auch neurologische Symptome persistieren; bei einer Dauer von mehr als drei Monaten spricht man von einem Post-COVID-Syndrom (PCS). Eine Publikation berichtet erstmals über die systematisch erhobenen, klinischen Befunde einer größeren Zahl Betroffener, die sich in der neurologischen Post-COVID-Ambulanz an der Charité vorstellten. Mit über 70% waren kognitive Beeinträchtigungen am häufigsten, fast ebenso viele Erkrankte litten an einer Fatigue-Symptomatik, gefolgt von Kopfschmerzen und persistierender Hyposmie.

Bis heute ist das Post-COVID-Syndrom (PCS) nur definiert durch den zeitlichen Zusammenhang mit der akuten SARS-CoV-2-Infektion und dem Ausschluss anderer Diagnosen bzw. Erklärungen. Die Beschreibung klinischer Phänotypen und Subgruppen ist daher dringend notwendig. Besonders häufig leiden Patientinnen und Patienten mit PCS an neurologischen Symptomen. Die pathophysiologischen Mechanismen der persistierenden Beschwerden sind insgesamt ungeklärt.

In der Arbeit werden die klinischen Befunde der ersten 100 Patientinnen und Patienten dargestellt, die sich seit September 2020 in der neurologischen Post-COVID-Ambulanz an der Charité vorstellten. Die COVID-19-Diagnose war entweder durch eine PCR oder durch Antikörperbestimmung gesichert. Insgesamt 89% der Betroffenen hatten einen leichten COVID-19-Verlauf ohne stationäre Behandlung gehabt. Das mittlere Alter lag bei 45,8 (20–79) Jahren, die Mehrzahl der Betroffenen war weiblich (67%). Neben einem kognitiven Screening mit dem „Montreal Cognitive Assessment“ (MoCA) wurden weitere Fragebögen eingesetzt: die „Epworth Sleepiness Scale“ (ESS), das „Beck Depression Inventory Version I“ (BDI) und die „Fatigue Severity Scale“ (FSS).

Am häufigsten waren kognitive Beeinträchtigungen (72%); 30% der Patientinnen und Patienten mit kognitiven Defiziten erreichten weniger als 26/30 Punkte auf der MoCA-Skala. In diesen Fällen wurden weiterführende Untersuchungen veranlasst (z. B. Bildgebung und Liquordiagnostik), deren Auswertungen in der Arbeit noch nicht enthalten sind. Sehr häufig waren darüber hinaus die Symptome Fatigue (67%), Kopfschmerzen (36%) und persistierende Hyposmie (36%). Im Gegensatz zur Fatigue-Symptomatik war eine exzessive Tagesmüdigkeit nur bei einem Drittel der Betroffenen vorhanden. Es folgten Myalgien (21%), Schwindel (20%) und verschiedene Schmerzsyndrome (17%). 5,5 % aller Patienten zeigten Symptome einer schweren Depression.

Der Bedarf an neurologischen Post-COVID-Ambulanzen ist nach Einschätzung des Autorenteams groß, zumal weiter steigende Patientenzahlen zu erwarten sind. Weitere Forschung sei dringend erforderlich; bei der Therapie ist eine Zusammenarbeit vieler Fachdisziplinen anzustreben, und ein sinnvolles Management muss etabliert werden. Der Aufbau von Post-COVID-Rehabilitationszentren wäre notwendig, um Betroffenen strukturierte Angebote zu machen.

Boesl F, Audebert H, Endres M et al. A Neurological Outpatient Clinic for Patients With Post-COVID-19 Syndrome - A Report on the Clinical Presentations of the First 100 Patients. Front Neurol 2021 Sep 16; 12: 738405.

https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fneur.2021.738405/full

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