Erhöhte SARS-CoV-2-Antikörper im Liquor einer Patientin mit neurologischem Long-COVID-Syndrom

© iStock/ljubaphoto

Angesichts sich mehrender Hinweise auf neurologische Langzeitfolgen von COVID-19 werden sich Neurologinnen/Neurologen auf Patientinnen/Patienten einstellen müssen, die sie wegen entsprechender Beschwerden aufsuchen. Nicht zwangsläufig sind das nur Menschen, die schwer an COVID-19 erkrankt waren. Wie im Fall einer 57-jährigen Patientin, von der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Lübeck berichten [1]. Sechs Monate nach milder COVID-19-Erkrankung klagte sie über anhaltende kognitive Beeinträchtigungen. Im Liquor waren erhöhte Antikörperspiegel gegen SARS-CoV-2 nachweisbar. Eine große britische Erhebung [2] zeigte, dass COVID-19 zu beträchtlichen kognitiven Einschränkungen führen kann, in einem besonderen Ausmaß bei Betroffenen, die hospitalisiert worden waren.

Ein Fallbericht aus Lübeck [1] macht deutlich, dass auch milde akute Infektionen mit SARS-CoV-2 eine Rolle bei neurologischen Long-COVID-Syndromen spielen können. Und dass mitunter über die klinische und laborchemische Routine hinausgehende Untersuchungen erforderlich sein könnten, um diese zu sichern. Speziell regen die Forscher neuropsychologische Tests und Liquoruntersuchungen auf SARS-CoV-2-spezifische Antikörper an.

Persistierende Konzentrationsstörungen und Probleme beim Planen von Handlungen führten eine 57-jährige Krankenschwester sechs Monate nach akuter SARS-CoV-2-Infektion in die neurologische Universitätsklinik. Sie war nicht in der Lage, ihre berufliche Tätigkeit wieder aufzunehmen und hatte Schwierigkeiten, ihre Alltagsaktivitäten zu organisieren.

Die ursprüngliche COVID-19-Erkrankung war relativ mild verlaufen – mit Fieber, Kopfschmerzen, generalisierten Gliederschmerzen und Diarrhoe. Wegen des positiven PCR-Tests hatte sie sich zwar in stationäre Behandlung begeben, sie benötigte aber weder eine Intensivbehandlung noch eine Beatmung und konnte nach fünf Tagen entlassen werden. Die Vitalparameter einschließlich der peripheren Sauerstoffsättigung waren unauffällig gewesen, im Routinelabor war lediglich ein leicht erhöhter CRP-Wert aufgefallen.

Die kognitiven Beschwerden begannen zwei Wochen später. Bis auf eine depressive Episode war die Vorgeschichte der Patientin unauffällig. Die klinisch-neurologische Untersuchung, ein Schädel-MRT, eine Testung des Riechvermögens mittels "Brief Smell Identification Test" (BSIT) sowie serologische Untersuchungen auf Infektionen und Autoimmunerkrankungen und weitere Laboruntersuchungen waren nach sechs Monaten ohne pathologischen Befund. Auffälligkeiten ergaben sich erst bei weiterführenden Tests: So deckten standardisierte neuropsychologische Tests Einschränkungen bei Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeitsaktivierung und Arbeitsgedächtnis auf, und die Patientin erzielte hohe Stress- und Fatigue-Scores. Bei positiven IgG-Antikörpern gegen SARS-CoV-2-spezifisches Spike-1 (S1)- und Nucleocapsidantigen wies die Patientin im Vergleich zu zwei gesunden Kontrollpatienten im Liquor erhöhte S1-IgG und tendenziell auch erhöhte IgG gegen das Nucleocapsidprotein auf.

Eine große britische Erhebung [1], bei der über 81.000 Menschen, die an COVID-19 erkrankt waren, an einem webbasierten kognitiven Assessment teilnahmen, zeigte, dass COVID-19-Patientinnen und -Patienten beträchtliche kognitive Einschränkungen davontrugen, auch wenn sie ansonsten keine Post-COVID-Beschwerden mehr hatten. Auch unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen und vorbestehenden Erkrankungen fanden sich deutliche kognitive Defizite sowohl bei zuvor hospitalisierten COVID-19-Patientinnen und -Patienten (n = 192) als auch bei nicht-hospitalisierten Betroffenen (n = 326). Bei zuvor beatmeten Patientinnen und Patienten waren die COVID-19-assoziierten Beeinträchtigungen der globalen Kognition besonders ausgeprägt. Sie waren höher als die durchschnittliche altersbedingte Abnahme entsprechender Tests bei erwachsenen Menschen innerhalb von 10 Jahren. Einschränkend muss allerdings angemerkt werden, dass die Probanden webbasiert zu Hause ihre Daten eingegeben hatten, was nicht direkt vergleichbar mit einem standarisierten neuropsychologischen Assessment ist.

[1] Borsche M, Reichel D, Fellbrich Aet al. Persistent cognitive impairment associated with cerebrospinal fluid anti-SARS-CoV-2 antibodies six months after mild COVID-19. Neurol Res Pract. 2021 Jun 21.

https://neurolrespract.biomedcentral.com/articles/10.1186/s42466-021-00135-y

[2] Hampshire A, Trender W, Chamberlain SR et al. Cognitive deficits in people who have recovered from COVID-19. The Lancet 2021. Published: July 22, 2021.

https://www.thelancet.com/journals/eclinm/article/PIIS2589-5370(21)00324-2/fulltext

Nach oben springen