Erhöhte Inzidenz von Fazialisparesen nach Impfung mit inaktivierten SARS-CoV-2-Viren

Nach vorangegangenen Beobachtungen und Fallberichten zu Fazialisparesen nach Impfungen mit mRNA-Vakzinen trägt eine Forschergruppe aus Hongkong jetzt populationsbasierte Daten zu Gesichtslähmungen sowohl nach Impfung mit BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) als auch nach Impfung mit der inaktivierten Virusvakzine CoronaVac (Sinovac) bei. Anders als nach BNT162b2 fanden sie bei CoronaVac ein klares Sicherheitssignal mit einem im Vergleich zu einer historischen Kohorte erhöhten Risiko für eine Fazialisparese.

Die Untersuchung [1] basierte auf freiwilligen Meldungen bei verschiedenen Pharmakovigilanzregistern in Hongkong zwischen dem 23. Februar und dem 4. Mai 2021. In diesem Zeitraum erhielten 452.000 Menschen in Hongkong die erste CoronaVac- und rund 537.000 die erste BNT162b2-Impfdosis. Für die ersten 42 Tage nach Impfung ermittelten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen 28 klinisch bestätigte Fazialisparesen nach Impfung mit CoronaVac und 16 nach Impfung mit BNT162b2. Die nach Alter standardisierten Inzidenzen betrugen 66,9 und 42,8 pro 100.000 Personenjahre.

Die durchschnittliche Hintergrundinzidenz in den letzten zehn Jahren lag in Hongkong bei 27 Fällen pro 100.000 Personenjahre. Weltweit variiert die Inzidenz zwischen 15 und 30 pro 100.000 Personenjahre. Beim Vergleich mit einer historischen Kontrollgruppe ergaben sich in der Studie, bezogen auf 100.000 Geimpfte, 4,8 zusätzliche Fazialisparesen nach CoronaVac-Impfung und zusätzliche zwei Fälle nach Vakzinierung mit BNT162b2. Insgesamt wurden drei verschiedene statistische Ansätze verwendet.

Anders als in den Pharmakovigilanzdaten der Weltgesundheitsorganisation WHO, wonach 67,8% der Fazialisparesen nach Impfung mit BNT162b2 Frauen betreffen, ergab sich für die mRNA-Vakzine in der Studie aus Hongkong kein Geschlechtsunterschied. Nach CoronaVac-Impfung waren überwiegend Männer betroffen. Angesichts der geringen Gesamtzahl von Fazialisparesen ist die Aussagekraft hierzu aber eingeschränkt.

Auch erlaube die statische Assoziation nicht den Rückschluss auf einen kausalen Zusammenhang, betont die Autorengruppe. Ähnlich verhielt sich dies in vorangegangenen Studien – wir berichteten. Die Medizinerinnen und Mediziner gehen von unterschiedlichen Mechanismen aus, die wahrscheinlich auch nicht auf alle Fälle zuträfen. Diskutiert werden durch die Impfung getriggerte Autoimmunphänomene oder auch eine Reaktivierung latenter Herpes-simplex-1-Infektionen in den Fazialisganglien.

Da Fazialisparesen insgesamt selten beobachtet wurden, und die Gesichtslähmungen in anderen Zusammmenhängen bei mehr als 90% der Betroffenen nach umgehender Glukokortikoidtherapie innerhalb von neun Monaten komplett abklingen, sehen die Autorinnen und Autoren wenig Anlass zur Sorge. Der Nutzen der Impfung überwiege.

[1] Wan EYF, Chui CSL, Lai FTT et al.: Bell's palsy following vaccination with mRNA (BNT162b2) and inactivated (CoronaVac) SARS-CoV-2 vaccines: a case series and nested case-control study. Lancet Infect Dis. 2021 Aug 16

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8367195/

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