Erfahrungen mit IVIG bei drei VITT-Patienten in Kanada

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Zusätzlich zu einer Antikoagulation werden bei Vakzine-induzierter immunogener thrombotischer Thrombozytopenie (VITT) hochdosierte intravenöse Immunglobuline (IVIG) empfohlen. Mediziner berichten über ihre Erfahrungen mit IVIG bei drei der ersten Patienten, die in Kanada nach COVID-19-Impfung mit dem Vektor-Impfstoff ChAdOx1 nCoV-19 eine VITT bekamen [1]. Bei allen drei ging die antikörpervermittelte Plättchenaktivierung nach IVIG-Gabe zurück und die Thrombozytenzahl erholte sich.

VITT ist eine seltene Komplikation nach COVID-19-Impfung mit Adenovirus-Vektor-basierten Vakzinen. Da sie vornehmlich bei Patienten/Patientinnen zwischen 20 und 55 Jahren beschrieben wurde, haben viele Länder die Verwendung dieser Impfstoffe auf ältere Menschen beschränkt. Dies mag der Grund sein, warum die jetzt in einer kleinen Fallserie aus Kanada [1] vorgestellten VITT-Patienten/-Patientinnen mit 63, 69 und 72 Jahren durchweg älter waren. Kanada hatte die untere Altersgrenze für ChAdOx1 nCoV-19 bei 55 Jahren festgelegt.

Bei den Betroffenen dieser Fallserie (2 Männer, 1 Frau) lag die Impfung bei Beschwerdebeginn 7, 12 und 18 Tage zurück. Zwei stellten sich mit komplizierten Aorten- und arteriellen Extremitäten-Thrombosen vor, der dritte hatte eine zerebrale venöse und arterielle Thrombose. Nach initialer Antikoagulation, die wegen des zunächst fehlenden VITT-Verdachts bei einer Patientin zunächst mit unfraktioniertem, und bei einem anderen Patienten mit einem niedermolekularen Heparin erfolgte, wurde die Behandlung nach VITT-Diagnose auf einen Nicht-Heparin-Wirkstoff umgestellt. Durch die Gabe von IVIG erholten sich die Thrombozytenzahlen der Betroffenen innerhalb weniger Tage. Niemand von ihnen entwickelte nach IVIG-Gabe noch neue oder progrediente Thrombosen.

Bei allen ließen sich Antikörper gegen Plättchenfaktor-4 (PF4)-Polyanion-Komplexe nachweisen. Im Serum, das vor IVIG-Gabe entnommen wurde, hatten die Patienten unterschiedliche Reaktionsmuster im Serotonin-Release-Assay (SRA). Er wurde analog zur Heparin-induzierten Thrombopenie (HIT), der die VITT ähnelt, als Standard-Test zum Nachweis einer Plättchenaktivierung verwendet. Nach IVIG-Gabe war die Plättchenaktivierung in Anwesenheit von PF4 rückläufig.

Ähnlich wie die Verwendung des SRA ist auch die IVIG-Gabe aus der Behandlung bei HIT abgeleitet. Die Grundidee ist, dass die hochdosierten Immunglobuline kompetitiv die Interaktion der bei HIT beziehungsweise VITT auftretenden PF4-Autoantikörper mit Fcγ-IIa-Rezeptoren auf den Thrombozyten hemmen und damit die Plättchenaktivierung verhindern. Die empfohlene IVIG-Dosis beträgt 1g/kg Körpergewicht an je zwei Tagen. Die Studienautoren/-autorinnen schlagen vor, sich dabei am Körpergewicht zu orientieren.

[1] Bourguignon A, Arnold DM, Warketin TE et al.: Adjunct Immune Globulin for Vaccine- Induced Thrombotic Thrombocytopenia. NEJM 2021, June 9.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2107051

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