Enzephalitiden als COVID-19-Manifestationen

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Zu möglichen neurologischen Manifestationen von COVID-19 zählen Enzephalitiden, beispielsweise eine ADEM (Akute Disseminierte Enzephalomyelitis) oder die Anti-NMDA(N-Methyl-D-Aspartat)-Rezeptor-Enzephalitis. Wie ein Fallbericht aus dem Iran veranschaulicht [1], kann eine ADEM auch Erstmanifestation des Virusinfektes sein. Der Assoziation zwischen COVID-19 und anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist eine taiwanesische Forscherin durch Analyse von microRNA (miRNA)-Biomarkern nähergekommen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Universität Teheran berichten in einer aktuellen Veröffentlichung [1] von einem 67 Jahre alten, bis dahin gesunden Mann, der sich mit Benommenheit seit zwei Tagen und Bewusstseinstrübung in der Notaufnahme vorstellte. Der fieberfreie Patient konnte weder zusammenhängend sprechen noch einfache Aufgaben ausführen. Bei Aufnahme hatte er gesteigerte Muskeleigenreflexe und einen positiven Babinski-Reflex. Das MRT wies in T2-Wichtung und FLAIR-Sequenz ausgedehnte Hyperintensitäten in beiden Großhirn-Hemisphären, der paraventrikulären und subkortikalen weißen Substanz, dem mittleren Kleinhirnstiel sowie in Centrum semiovale, Corpus callosum, Basalganglien, Thalamus, Mittelhirn und Pons auf. Nach Kontrastmittelgabe kam es zu umschriebenen Signalverstärkungen in Mittelhirn und linkem Parietallappen. In der PCR aus dem Nasen-Rachen-Abstrich ließ sich SARS-CoV-2 nachweisen. Die pulmonale Beteiligung manifestierte sich erst am Folgetag, als der Patient Atemnot bekam, das Bewusstsein verlor und intubiert werden musste. Im Thorax-CT zeigten sich beidseits fleckige Milchglastrübungen. Aufgrund der Befunde wurde eine COVID-19-assoziierte ADEM diagnostiziert. Eine direkte Infektion des zentralen Nervensystems durch SARS-CoV-2- oder andere Viren wurde mittels Liquorpunktion ausgeschlossen. Trotz Therapie mit hochdosierten Glukokortikoiden und intravenösen Immunglobulinen starb der Patient vier Wochen nach Aufnahme.

Professorin Hsiuying Wang, Statistikerin an der Nationalen Yang Ming Chiao Tung Universität in Hsinchu, Taiwan, hat sich mit einer anderen Enzephalitis-Form beschäftigt [2], die im Zusammenhang mit COVID-19-Erkrankungen und -Impfungen beobachtet wurde: Die anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Auf Grundlage der Literatur verglich sie, welche miRNA im Zusammenhang mit beiden Erkrankungen auftreten. MiRNA sind kleine, nicht-kodierende RNA-Stücke, die bei Zelldifferenzierung und -entwicklung, Zellzyklus-Regeneration und Apoptose wichtig sind und bei verschiedenen Erkrankungen als genetische Biomarker verwendet werden können. Von den über 200 bei Menschen bekannten miRNA konnte die Forscherin sieben ausmachen, die COVID-19 und anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis gemeinsam haben. Sechs davon sind mit zwei wichtigen, an der Pathogenese bei COVID-19 beteiligten Entzündungswegen assoziiert. Der wichtigste Biomarker für die Enzephalitis, let-7b, der dabei üblicherweise herunterreguliert ist, war nicht unter den gemeinsamen Markern. Somit bleibt zwar ein niedriges Risiko, dass COVID-19 oder die Impfung eine anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis triggern könnten. Es dürfte aber gering sein.

[1] Esmaeili S, Abbasi MH, Joghataei MT et al. Acute disseminated encephalitis (ADEM) as the first presentation of COVID-19; a case report. Ann Med Surg (Lond). 2022 Mar 28;77:103511.

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2049080122002710?via%3Dihub

[2] Wang H. COVID-19, Anti-NMDA Receptor Encephalitis and MicroRNA. Front Immunol. 2022 Mar 22;13:825103.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8980231/?report=reader

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