Depressive Symptome und Veränderungen der Hirnstamm-Raphe bei Long-COVID

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Eine Studie wies mit transkranieller Sonographie bei ca. 28% der Long-COVID-Betroffenen Auffälligkeiten der Hirnstamm-Raphe nach. Die Häufigkeit war nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung. Die Ultraschall-Veränderungen waren mit depressiven Symptomen assoziiert, wie dies auch von anderen Erkrankungen bekannt ist. Der Befund könnte eine höhere Neigung zu depressiven Symptomen anzeigen und damit helfen, mittels transkranieller Sonographie frühzeitig Risikopatientinnen und -patienten zu identifizieren.

Bei Long-COVID treten oft eine Fatigue und verminderte Belastbarkeit auf. Daneben sind depressive Symptome und Angststörungen die häufigsten COVID-19-Folgen. Sechs Monate nach der akuten Infektion sind hiervon etwa 23% betroffen.

Schon länger bekannt ist die Assoziation depressiver Symptome mit Veränderungen im Bereich der Hirnstamm-Raphe (BR). Dabei ist in der transkraniellen Sonographie (TCS) eine verminderte Echogenität zu sehen, die vermutlich auf eine Dysfunktion des serotonergen Systems zurückzuführen ist und somit ein Substrat der depressiven Symptomatik sein könnte. Ziel der aktuellen im „Journal of Neurology“ publizierten Querschnittstudie war, die Häufigkeit von BR-Veränderungen bei Long-COVID zu untersuchen – sowie etwaige Assoziationen zu depressiven Symptomen und Angststörungen zu prüfen.

Es wurden 70 ambulante Long-COVID-Betroffene (Alter 40–58; median 50,5 Jahre, 68,6% Frauen) untersucht. Im Ergebnis wiesen 20 (28,6%) eine verminderte Echogenität der BR in der TCS-Untersuchung in der axialen Ebene auf. Die Häufigkeit entsprechender Raphe-Alterationen war nicht wesentlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Betroffene mit BR-Hypoechogenität hatten bei der HADS-Testung („Hospital Anxiety and Depression Scale“) höhere Subscores für Depressionen (median 8 vs. 5,5; p=0,006) und Angststörungen (median 9 vs. 6,5; p=0,006). Nach Adjustierung von möglichen Einflussfaktoren war nur das Risiko für depressive Symptome erhöht (OR 3,884).

Aus Sicht der Autoren verwundere das Ergebnis nicht, da die Assoziation von Raphe-Hypoechogenität und depressiven Symptomen auch in anderen Populationen beschrieben wurde. Der Befund spreche gegen die oft geäußerte Vermutung, dass Long-COVID-Symptome überwiegend Manifestation einer depressiven Erkrankung seien. Nun sei zu klären, ob die Hypoechogenität eine COVID-19-Folge ist oder ob sie (was die Autorinnen und Autoren als wahrscheinlicher ansehen) eine Disposition für depressive Symptome anzeigt. Mit der TCS könnten dann Risikopersonen früh identifiziert und entsprechend behandelt werden.

[1] Richter D, Schulze H, James JC et al. Hypoechogenicity of brainstem raphe in long-COVID syndrome-less common but independently associated with depressive symptoms: a cross-sectional study. J Neurol 2022 May 12; 1-7   

https://link.springer.com/article/10.1007/s00415-022-11154-3

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