De-novo-Bildung von Autoantikörpern bei COVID-19 untersucht

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Bei einem beträchtlichen Teil hospitalisierter COVID-19-Patienten und Patientinnen werden im Rahmen der Erkrankung offenbar de novo Autoantikörper gebildet, die mit der Immunantwort auf SARS-CoV-2 korrelieren. Das hat eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den USA und Deutschland herausgefunden [1]. Bei jedem zweiten Betroffenen wurden Autoantikörper nachgewiesen. Dies war bei gesunden Kontrollen in weniger als 15% der Fall.

Unter den möglichen Symptomen bei COVID-19 finden sich einige, die typischerweise auch bei Autoimmunerkrankungen vorkommen. Dazu zählen Arthralgien, Myalgien, Fatigue, Sicca-Symptome, Exantheme, aber auch Thrombosen und entzündliche Manifestationen wie Vaskulitis, Myositis, Myokarditis, Arthritis und Enzephalitis. Autoantikörper wurden wiederholt nachgewiesen. Ein internationales Forscherteam hat nun bei 147 in drei Zentren hospitalisierten Patientinnen und Patienten mit COVID-19 systematisch drei Gruppen von IgG-Antikörpern bestimmt [1]: Autoantikörper, die mit Kollagenosen assoziiert sind, anti-Zytokin-Antikörper (ACA) und die Immunantwort auf das SARS-CoV-2-Virus selbst. 

Wenn Autoantikörper nachgewiesen werden konnten, was bei etwa 50% der Fall war, richteten sich diese sich vor allem gegen Autoantigene, die auch bei seltenen Erkrankungen wie Myositis, systemischer Sklerose oder Kollagenose-Overlap-Syndromen vorkommen. So waren bei etwa einem Viertel der Betroffenen antinukleäre Antikörper (ANA) nachweisbar. ACA wurden noch häufiger beobachtet, bei 60-80%, und viele Patientinnen und Patienten wiesen ACA gegen mehrere Zytokine auf. Wenige hatten auch Autoantikörper gegen ACE-2.

Verlaufsuntersuchungen konnten zeigen, dass einige Autoantikörper und ACA nach der SARS-CoV-2-Infektion de novo gebildet wurden. Manche traten nur vorübergehend auf. Die Bildung der Autoantikörper spiegelte dabei im zeitlichen Verlauf die Entwicklung von IgG gegen Strukturproteine von SARS-CoV-2, wie S1, D2, M und N, und gegen eine Untergruppe nicht struktureller Virusproteine wider. So ließen sich bei COVID-19-Patientinnen und Patienten, die einen oder mehrere Autoantikörper aufwiesen, höhere Antikörper-Titer gegen SARS-CoV-2-NSP1 (Nonstructural Protein 1) und Methyltransferase (ME) nachweisen.

Aus der Studie leitet das Autorenteam verschiedene Annahmen ab. ACA werden offensichtlich als Folge einer entzündlichen Immunantwort auf SARS-CoV-2 bei hohen Zytokinspiegeln generiert. Die ACA selbst könnten womöglich die Immunantwort modulieren und den infektionsbedingten Entzündungsprozess verstärken. RNA oder DNA, die aus durch die Infektion geschädigten, untergehenden Zellen freigesetzt wird, könnte Immunkomplexe mit Virus- oder Autoantigenen bilden und so die Autoantikörperproduktion triggern. Ist das Immunsystem über längere Zeit nicht in der Lage, das Virus auszuschalten, könnte sich die adaptive Immunantwort auf nicht-strukturelle Virusproteine ausweiten. Einige davon könnten dann im hochentzündlichen Umfeld physisch mit Autoantigenen so stark interagieren oder kreuzreagieren, dass die Selbsttoleranz aufgehoben wird.

[1] Chang SE, Feng A, Meng W et al.: New-Onset IgG Autoantibodies in Hospitalized Patients with COVID-19. medRxiv [Preprint]. 2021 Jan 29:2021.01.27.21250559. doi: 10.1101/2021.01.27.21250559. Update in: Nat Commun. 2021 Sep 14;12(1):5417.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7852238/

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