COVID-19 und Immunsystem – die ältere Bevölkerung ins Visier nehmen

(c) iStock/vlada_maestro

SARS-CoV-2 zeigt die Vulnerabilität der älteren und alten Bevölkerung gegenüber neuen Erregern. Daraus ergibt sich eine große Herausforderung für die medizinische Versorgung und Forschung, aber auch für die Gesellschaft insgesamt – gemäß einer aktuellen Publikation ist dies von entscheidender Bedeutung für die Zukunft und Gesundheit der Bevölkerung weltweit.

Die Autoren fordern perspektivisch eine neue Forschungsagenda bzw. Herangehensweise an medizinische und gesundheitspolitische Fragen hinsichtlich Pandemien und der spezifischen Situation der älteren Bevölkerung. Die weltweite Altersentwicklung bedinge bekanntermaßen die Zunahme nicht-übertragbarer Krankheiten – nun seien jedoch Infektionen als nicht zu unterschätzende Gesundheitsbedrohung neu bzw. erneut ins Bewusstsein gerückt. Neben ungelösten Problematiken wie antimikrobielle Resistenzentwicklungen oder klimawandelbedingte, durch Vektoren übertragbare Infektionen, stellt sich durch SARS-CoV-2 die Frage, wie sich die Immunmechanismen mit zunehmendem Lebensalter verändern. Speziell bei COVID-19 werden unter anderem sich ändernde kardiale und pulmonale Gewebeverteilungen von ACE2-Rezeptoren postuliert.

Darüber hinaus ist bekannt, dass ältere Menschen oftmals ein schlechteres Impfansprechen haben als junge, man vermutet ursächlich eine Abnahme angeborener und adaptiver Immunantworten. Andererseits existieren Vakzine, die gerade im Alter über 70 Jahren sehr effektiv immunisieren (wie z.B. gegen Gürtelrose).

Ganz oben auf der Agenda sehen die Autoren daher die Analyse altersbedingter Veränderungen des Immunsystems. Es bedürfe neuer Strategien der Immun- und Impfforschung, wobei Tools bereits existieren, wie beispielsweise die „Omics“-Forschung (Transkriptom, Proteom, Metabolom, Mikrobiom) sowie Bioinformatik und Big-Data-Analysen. So sei vorstellbar, Immunantworten auf unterschiedliche Impfungen zu simulieren, um die Effektivität von Vakzinen vorherzusagen oder Impfversagen zu klären. Wünschenswert seien Impfstudien mit bekannten und zugelassenen Vakzinen, die prospektiv longitudinal Immundaten im Verlauf des Lebens liefern könnten.

COVID-19 katalysiere bereits die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Industrie und Regierungen – dies müsse nach Ansicht der Autoren auch nach der Pandemie fortgeführt werden. Medizinische Multidisziplinarität könne dazu beitragen, auf die nächste Pandemie besser vorbereitet zu sein. Ziel müsse sein, durch ein möglichst umfassendes Verständnis von Immunmechanismen für neue Erreger schneller diagnostische, therapeutische sowie Impfoptionen zu entwickeln.

Koff WC and Williams MA. Covid-19 and Immunity in Aging Populations — A New Research Agenda. N Engl J Med 2020; 383: 804-05 DOI: 10.1056/NEJMp2006761 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp2006761