COVID-19 und demyelinisierende ZNS-Erkrankungen

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Eine Übersichtsarbeit analysierte 60 Arbeiten zu Demyelinisierungserkrankungen bei SARS-CoV-2-Infektion. Als häufigste Manifestationen werden Enzephalitis und Enzephalomyelitis beschrieben. Die Kausalität ist bislang nicht sicher belegt, es werden aber in erster Linie sekundäre inflammatorisch-immunvermittelte Prozesse vermutet.

Zusammenhänge zwischen Virusinfektionen und einer ZNS-Demyelinisierung sind seit Langem bekannt. In der aktuellen Pandemie werden auch immer wieder Fallberichte bzw. Fallserien über SARS-CoV-2-assoziierte Demyelinisierungen sowohl des peripheren als auch zentralen Nervensystems beschrieben. Eine aktuelle Review-Arbeit gibt zu diesem Thema einen Überblick und geht auf mögliche Pathomechanismen ein.

Insgesamt 60 Arbeiten von Januar 2020 bis Juni 2021 konnten in die finale Analyse eingeschlossen werden (mit insgesamt 102 Patienten, 51% männlich, Altersmedian bei 46,5 Jahren). Die Symptomatik der Demyelinisierung war variabel, am häufigsten handelte es sich um Symptome einer Enzephalitis oder Enzephalomyelitis mit Bewusstseinsstörung, fokalen neurologischen Symptomen und epileptischen Anfällen. Seltener wurde von NMOSD (Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen) und MOGAD (MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankungen) berichtet. Eine spinale Beteiligung manifestierte sich am häufigsten als LETM (longitudinale extensive transverse Myelitis).

Auch wenn von der zeitlichen Assoziation zwischen SARS-CoV-2-Infektion und Demyelinisierung nicht direkt eine Kausalität abgeleitet werden kann, so die Autorinnen und Autoren, gelten parainfektiöse oder postinfektiöse immunvermittelte Mechanismen als wahrscheinlichste Erklärungsansätze. Darüber hinaus werden Zusammenhänge mit der Neurotropie des Virus und eine direkte Virusinvasion diskutiert. Auch die Hypoxie im Rahmen schwerster Lungenschädigungen könne bei Demyelinisierungsprozessen eine Rolle spielen.

Bei der diagnostischen Zuordnung demyelinisierender Erkrankungen in zeitlichem Zusammenhang mit COVID-19 stehe man oftmals vor dem Dilemma von Kausalität oder bloßer zeitlicher Koinzidenz. Gerade im Hinblick auf die Prognose, aber auch für Therapieoptionen sei weitere Forschung hier dringend notwendig.

Ismail II, Salama S. Association of CNS demyelination and COVID-19 infection: an updated systematic review. J Neurol 2021 Aug 12; 1-36

https://link.springer.com/article/10.1007/s00415-021-10752-x

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