Bildmorphologische Veränderungen der Sehbahn bei schwerer COVID-19-Erkrankung

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Nach den Ergebnissen einer französischen Studie [1] weist eine beträchtliche Zahl schwer kranker COVID-19-Patientinnen und -Patienten in der Magnetresonanztomographie (MRT) Veränderungen im Bereich der Sehbahn auf. Bei 13% von 129 Betroffenen fanden die Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftler Auffälligkeiten. Da entsprechende Befunde bei sedierten Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation leicht zu übersehen sind, aber durchaus dauerhaft das Sehvermögen beeinträchtigen können, sprechen sich die Forscherinnen und Forscher dafür aus, die Betroffenen augenärztlich vorzustellen und nachzubetreuen.

In Ergänzung zu einer vorangegangenen Untersuchung, in der die COVID-19-Studiengruppe der Französischen Gesellschaft für Neuroradiologie über okuläre MRT-Veränderungen berichtet hatte [2], analysierte die Autorengruppe jetzt die Augenhöhlen und die Sehbahnen bei 129 Betroffenen mit schwerer COVID-19-Erkrankung, die zwischen dem 4. März und 1. Mai 2020 ein Schädel-MRT erhalten hatten [1].

Die MRT-Aufnahmen im Rahmen der retrospektiven Multicenterstudie wurden verblindet von zwei Neuroradiologinnen/Neuroradiologen ausgewertet und – soweit vorhanden – mit ophthalmologischen Befunden abgeglichen.

33% der Betroffenen waren Frauen, 67% Männer. 17 von 129 (13%) hatten pathologische Befunde. 65% von diesen – 11 von 17 – hatten eine hyperintense Papille in der FLAIR-Sequenz und 35% – 6 von 17 – abnorme Signale in mindestens einer Struktur der Sehbahn. Dabei war der Nervus opticus bei allen betroffen, das Chiasma bei einem, der Tractus opticus bei zweien und die Sehstrahlung bei einem Betroffenen. Bei einem Patienten war beidseits die gesamte Sehbahn betroffen.

Die Papille war meist auf beiden Seiten betroffen, nach Gadolinium-Gabe kam es nicht zur Signalverstärkung. Der einzige dieser Betroffenen, bei dem eine Fundoskopie erfolgte, wies klinisch keine Papillenveränderung auf.

Anders als in Fallberichten aus der Literatur fanden sich bei keinem der Betroffenen MRT-Veränderungen, die auf eine demyelinisierende Erkrankung hinwiesen. Die genaue Ursache der Sehbahnbeteiligung bleibt unklar. Da eine Vergleichsgruppe anderer kritisch kranker Patientinnen und Patienten fehlt, können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler letztlich auch nicht sicher sein, dass die Beobachtungen tatsächlich der SARS-CoV-2-Infektion zuzuschreiben sind.

[1] Lecler A, Cotton F, Lersy F et al. Abnormal MRI findings of the orbital or visual pathways in patients with severe COVID-19: observations from the French multicenter COVID-19 cohort, Journal of Neuroradiology 2021, available online 17 July 2021.

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0150986121001371?via%3Dihub

[2] Lecler A, Cotton F, Lersy F et al. A Retrospective Multicenter Observational Study. Radiology 2021:204394.

https://pubs.rsna.org/doi/10.1148/radiol.2021204394

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