Assoziation von Serumkortisol und COVID-19-Mortalität

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Im Rahmen schwerer Erkrankungen ist der Anstieg des Serumkortisols eine physiologisch-adaptive Stressantwort. Bei SARS-CoV-1 schien molekulare Mimikry eine Autoimmunreaktion gegen das adrenokortikotrope Hormon (ACTH) auszulösen und ein resultierender Kortisolmangel den Erkrankungsverlauf zu aggravieren. Ob dies auch für SARS-CoV-2 zutreffen könnte, untersuchte eine Kohortenstudie, die an drei großen Kliniken in London durchgeführt wurde.

Über sechs Wochen wurden Patienten mit COVID-19-Verdacht gescreent. Bis 48 Stunden nach der Einweisung erfolgte eine Kortisolbestimmung; ausgeschlossen wurden u. a. Patienten mit einer Steroidtherapie. 535 Patienten wurden ausgewertet. Bei 403/535 (75%) wurde der COVID-19-Verdacht bestätigt – entweder mittels RT-PCR oder aufgrund typischer klinisch-radiologischer Befunde trotz negativer PCR (47/403 Patienten). 132/535 Patienten (25%) waren somit COVID-19 negativ. Das mittlere Alter lag bei 66 Jahren, ca. 60% waren Männer. Häufige Begleiterkrankungen waren Hypertonie (47%), Diabetes mellitus (40%), kardiovaskuläre (23%) und Nierenerkrankungen (12%) sowie Malignome (9%). Während der Studiendauer verstarben ca. 28 % der COVID-19-Patienten – gegenüber 6,8% der Patienten ohne COVID-19. Die höchste Mortalität bestand bei Begleiterkrankungen und Patienten über 75 Jahren.

Die mediane Kortisolkonzentration betrug bei COVID-19-Patienten 619 (456–833) nmol/l gegenüber 519 (378–684) nmol/l ohne COVID-19 (p<0,0001). Neben erhöhten Werten für CRP, Kreatinin und Neutrophilen-Lymphozyten-Ratio war auch Kortisol ein Mortalitätsprädiktor: Adjustiert nach Alter und Komorbiditäten war die Verdoppelung des Kortisols mit einem Anstieg der Mortalität um 42% assoziiert. COVID-19-Patienten mit einem initialen Kortisolspiegel >744 nmol/l überlebten median nur 15 (10-36) Tage; Patienten mit einem Cut-off-Wert ≤744 nmol/l dagegen 36 (≥24) Tage.

Die Autoren schlussfolgern, dass die COVID-19-Patienten offensichtlich keine akute Nebennieren-Insuffizienz hatten. Ihre initiale Kortisolantwort, die signifikant stärker war als bei Nicht-COVID-19-Partienten, stelle möglicherweise einen Schweregradmarker dar. Kortisol war ein besserer unabhängiger klinischer Prädiktor als andere Laborwerte. Über den Kortisolspiegel im weiteren Verlauf könne keine Aussage gemacht werden, prospektive Studien müssten nun weitere Fragen klären.

Tricia Tan T, Khoo B, Mills EG et al. Association Between High Serum Total Cortisol Concentrations and Mortality From COVID-19. Lancet Diabetes Endocrinol 2020 Jun 18; S2213-8587 (20) 30216-3 doi: 10.1016/S2213-8587(20)30216-3 

https://www.thelancet.com/pdfs/journals/landia/PIIS2213-8587(20)30216-3.pdf