Antiidiotypische Antikörper als Erklärung für Long-COVID oder Impf-Nebenwirkungen?

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Antiidiotypische Antikörper könnten nach Ansicht kalifornischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine mögliche Erklärung für immunologische Phänomene bei Long-COVID und seltenen Nebenwirkungen nach COVID-19-Impfung sein [1]. Denn solche sekundär gegen Abschnitte primär induzierter Antikörper (Ab1) gerichteten Ab2-Antikörper ähneln mitunter wieder dem ursprünglichen Antigen. So könnten sie theoretisch etwa wie das Spike-Protein an den ACE2-Rezeptor binden und ähnliche Immuneffekte hervorrufen wie das SARS-CoV-2-Virus selbst.

Antiidiotypische Antikörper werden gewissermaßen in zweiter Linie gebildet. Wie ein US-Forscherteam von der University of California in Davis, Sacramento, in einem wissenschaftlichen Brief [1] erläutert, weist jeder primär durch ein Antigen induzierte sogenannter Ab1-Antikörper immunogene Regionen auf. Diese finden sich vor allem in den variablen Abschnitten der Antigen-bindenden Domänen. Sie werden als Idiotypen bezeichnet und sind infolge genetischer Rekombinationen jeweils einzigartig. Induzieren sie ihrerseits wieder eine spezifische Immunantwort, sind die dann entstehenden Ab2-Antikörper in der Lage, Ab1-Antikörper herunterzuregulieren. Doch die Paratope, die antigen-bindenden Domänen der Ab2-Antikörper, sind mitunter wiederum ein exaktes Abbild des ursprünglichen Ziel-Antigens der Ab1-Antikörper-Antwort. Bezogen auf SARS-CoV-2 wäre somit vorstellbar, dass Ab2-Antikörper entstehen, die wie Strukturen des Spike-Proteins an ACE-2-Rezeptoren binden und ähnliche Reaktionsketten im Körper auslösen.

Ähnliche Mimikry-Effekte durch Ab2-Antikörper wurden im Tiermodell beispielsweise für die Entstehung von Autoimmun-Myokarditiden bei Coxsackievirus-B3-Infektionen und auch als Auslöser von Myasthenia-gravis-Symptomen beobachtet. Für Letztere waren antiidiotypische Antikörper verantwortlich, die an Acetylcholin-Rezeptoren binden.

Nach Einschätzung des Forscherteams weisen die beobachteten Myokarditiden nach COVID-19-Impfung auffällige Ähnlichkeiten zu Ab2-vermittelten Myokarditiden nach manchen Virusinfektionen auf. Antiidiotypische Antikörper wären auch eine mögliche Erklärung für Spätsymptome von Long-COVID, die auftreten, obwohl mit dem SARS-CoV-2-Virus das Ursprungs-Antigen längst aus dem Körper verschwunden ist. Auch bestimmte neurologische Symptome infolge der SARS-CoV-2-Infektion oder -Impfung könnten durch Ab2-Antikörper vermittelt sein, so die Autoren. Sie empfehlen, neben den immunologischen Primärreaktionen auch alle nachfolgenden Antikörper- und T-Zell-Antworten auf das Virus im Verlauf umfassend zu untersuchen. Davon versprechen sie sich auch Einblicke zur initialen Immunantwort und für den Einsatz Antikörper-basierter Therapien.

[1] Murphy WJ, Longo DL. A Possible Role for Anti-idiotype Antibodies in SARS-CoV-2 Infection and Vaccination. N Engl J Med. 2021 Nov 24.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMcibr2113694

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