4 von 5 stationär behandelten COVID-19-Patienten entwickeln neurologische Beschwerden

COVID-19 geht sehr häufig mit neurologischen Beschwerden einher. Wie häufig, zeigt eine aktuell publizierte Verlaufsstudie von 509 Patienten aus Chicago [1]: Die Autoren fanden eine Prävalenz von mehr als 80 % und fast jeder dritte Patient, der im Krankenhaus behandelt wird, erleidet eine Enzephalopathie, die einen ungünstigen prognostischen Marker darstellt.

COVID-19 kann zu vielen verschiedenen neurologischen Manifestationen und Komplikationen führen – und zwar unabhängig von der Schwere der Atemwegsinfektion oder anderen Organbeteiligungen. Die Vielzahl an Veröffentlichungen von Fallserien und Studien führte daher zur Bezeichnung „Neuro-COVID“. Das neurologische Beschwerdespektrum reicht dabei von Riech- und Geschmacksstörungen über Schlaganfälle, Epilepsie und Lähmungen bis zu Verwirrtheit und MS-ähnlichen Bildern. Auffällig ist außerdem, dass viele Betroffene auch nach Abklingen der akuten Erkrankung nicht beschwerdefrei werden („Post-COVID-Syndrom“). Im Vordergrund stehen dabei Müdigkeit bzw. Fatigue und eine reduzierte Belastbarkeit; in einigen Fällen bleiben aber auch neurologische Symptome und Ausfälle zurück.

Eine aktuelle Studie aus Chicago hat die Bandbreite der neurologischen Beschwerden bei 509 Patienten mit einer COVID-19-Erkrankung zusammengetragen und deren Häufigkeit evaluiert: Mehr als 40 % der Patienten zeigten zu Beginn der Erkrankung neurologische Beschwerden; bei den Patienten, die wegen COVID-19 in ein Krankenhaus aufgenommen werden mussten, waren es sogar fast zwei Drittel (62,7%). Insgesamt entwickelten im Verlauf der COVID-19-Erkrankung 82,3 % neurologische Beschwerden: vier von fünf Patienten. Besonders häufig waren Muskelschmerzen (44,8%), Kopfschmerzen (37,7%), Enzephalopathien (31,8%), Benommenheit (29.7%), Dysgeusie (15.9%) und Anosmie (11.4%).

Unabhängige Risikofaktoren für das Auftreten einer neurologischen Manifestation waren die Schwere der COVID-19-Erkrankung (OR 4,02; 95% CI 2,04-8,89; P < 0,001) und jüngeres Alter (OR 0,982; 95% CI 0,968-0,996; P = 0,014). Eine Enzephalopathie war unabhängig von anderen Faktoren mit einem schlechteren funktionellen Outcome (OR 0,22; 95% CI 0,11-0,42; P < 0,001) und höherer Mortalität innerhalb von 30 Tagen nach Aufnahme assoziiert (35 [21,7%] vs. 11 [3,2%] Patienten; P < 0.001).

Liotta E, Batra A, Clark JR et al. Frequent neurologic manifestations and encephalopathy‐associated morbidity in Covid‐19 patients. Annals of Clinical and Translational Neurology. First published: 05 October 2020. https://doi.org/10.1002/acn3.51210