Kapitel: Degenerative Erkrankungen

Mitochondriale Erkrankungen

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Version 3 : 02.02.2021
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Stand: 02. Februar 2021

Entwicklungsstufe: S1
Online seit: 10. Februar 2021

Gültig bis: 01. Februar 2026

Zuletzt bearbeitet am: 10. Februar 2021

AWMF-Registernummer: 030/049

Federführend:
Prof. Dr. Cornelia Kornblum, Bonn
cornelia.kornblum@ukbonn.de

PDF-Download
Clinical Pathway (PDF)
Tabelle Erklärung von Interessen (PDF)
Zitierhinweis
Kornblum C. et al., Mitochondriale Erkrankungen, S1-Leitlinie, 2021, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am TT.MM.JJJJ)

Was gibt es Neues?

  • Molekulargenetische Analysetechniken wie Next Generation Sequencing (NGS) mit Untersuchung sog. Gen-Panels oder Whole Exome Sequencing (WES) haben zu einem rasanten Fortschritt in der Diagnostik mitochondrialer Erkrankungen geführt.
  • Mehr als 1700 nukleäre mitochondriale Gene sind mittlerweile identifiziert, von denen über 300 mit mitochondrialen Erkrankungen assoziiert sind, mit steigender Tendenz.
  • Bei der hereditären Leber-Optikus-Neuropathie (LHON) wurden erstmals ursächliche Mutationen eines nukleären Gens mit Atmungskettenkomplex I Funktionsstörung und autosomal rezessivem Erbgang beschrieben.
  • Die pathophysiologischen Mechanismen mitochondrialer Erkrankungen werden zunehmend verstanden, sodass sich daraus neue, innovative Behandlungskonzepte ergeben. Diese Entwicklung spiegelt sich in einer wachsenden Anzahl interventioneller klinischer Therapiestudien wider. Allerdings steht bisher mit dem Wirkstoff Idebenon nur ein zugelassenes Medikament zur Behandlung einer mitochondrialen Erkrankung zur Verfügung.
  • Idebenon wurde 2015 für die Therapie der hereditären Leber-Optikus-Neuropathie (LHON) in Europa zugelassen.
  • Es wurden einige seltene Gendefekte identifiziert, bei denen die Gabe von bestimmten Vitaminen und Cofaktoren positive Effekte erwarten lässt. Allerdings ist eine therapeutische Wirksamkeit nicht in klinischen Studien bewiesen, sondern zeigt sich überwiegend in Einzelfallbeobachtungen.
  • Eine kurative Therapie mitochondrialer Erkrankungen ist noch nicht verfügbar. Die Behandlungsschwerpunkte liegen weiter auf Prävention und symptomatischen Maßnahmen.
  • Eine humangenetische Beratung ist insbesondere bei Kinderwunsch komplex. Eine Pränataldiagnostik kann bei nukleären Mutationen routinemäßig durchgeführt werden, ist bei Mutationen der mitochondrialen DNA weiter limitiert. Die Datenlage zur Präimplantationsdiagnostik als Prävention bzw. Risikoreduktion der Vererbung pathogener mitochondrialer DNA-Mutationen ist äußerst begrenzt, die Methode unterliegt in Deutschland der Präimplantationsdiagnostikverordnung. Fortschritte sind zuletzt im Bereich der Mitochondrien-Ersatz-Therapie gemacht worden, einer In-vitro-Fertilisations-Methode, die Spendereizellen benötigt. In Großbritannien ist die Methode unter speziellen Voraussetzungen zugelassen, in Deutschland gesetzlich nicht erlaubt.
  • Seit 2019 wird das Deutsche Netzwerk für mitochondriale Erkrankungen in einer dritten Förderperiode durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Programm „Translationsorientierte Verbundvorhaben im Bereich der seltenen Erkrankungen“ gefördert (mitoNET). An den beteiligten klinischen Zentren können Kinder und Erwachsene mit gesicherter oder vermuteter mitochondrialer Erkrankung in standardisierter Weise untersucht und in ein Patientenregister aufgenommen werden (mitoREGISTRY).

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

  • Bei Verdacht auf eine mitochondriale Erkrankung sind molekulargenetische Zusatzuntersuchungen notwendig. NGS-Techniken mit Analyse sog. Gen-Panels aus Blutproben können im Einzelfall die Diagnosestellung beschleunigen und eine invasive Diagnostik vermeiden.
  • Bei einigen Erkrankungen ist die molekulargenetische Diagnostik aus Muskelgewebe weiterhin am sensitivsten und eine Muskelbiopsie für die Aufarbeitung unerlässlich, in bestimmten klinischen Konstellationen jedoch nicht mehr erforderlich.
  • Diagnostik und Therapie sollten in spezialisierten neuromuskulären Zentren erfolgen.
  • Bei klinischem Verdacht auf eine LHON sollte schnellstmöglich eine Diagnosesicherung erfolgen, um frühzeitig eine Therapie mit Idebenon einleiten zu können.

Bitte beachten Sie: Die Langversion der Leitlinie finden Sie als PDF zum Download oben.

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