Kapitel: Schlafstörungen

Insomnie bei neurologischen Erkrankungen

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Version 3 : 02.03.2020
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Stand: 02. März 2020

Entwicklungsstufe: S2k
Online seit: 25. Mai 2020

Gültig bis: 01. März 2023

Zuletzt bearbeitet am: 25. Mai 2020

AWMF-Registernummer: 030/045

Federführend:
Prof. Dr. Geert Mayer,
Schwalmstadt-Treysa/Marburg
geert.mayer@hephata.com

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Tabelle Erklärung von Interessen (PDF)
Zitierhinweis
Mayer, G. et al., Insomnie bei neurologischen Erkrankungen, S2k-Leitlinie, 2020, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am TT.MM.JJJJ)

Was gibt es Neues?

Insomnie bei Kopfschmerz

  • Es gibt eine Assoziation zwischen Migräne und Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch einerseits und Insomnie andererseits. Bei Spannungskopfschmerz sind die Befunde uneinheitlich.
  • Kognitiv-behaviorales Therapietraining für Insomnie (CBTi) (Schlafhygiene und Schlafrestriktion) ist nach einer Pilotstudie wirksam bei chronischer und komorbider Insomnie.
  • Eszopiclon reduziert in einer Pilotstudie die nächtliche Wachzeit bei Patienten mit Migräne.

Insomnie bei neurodegenerativen Bewegungsstörungen

  • Die Insomnie ist eine der häufigsten assoziierten Schlafstörungen, gefolgt von Hypersomnie, schlafbezogenenen Atmungsstörungen, Restless Legs und Parasomnien.
  • Störungen der circadianen Rhythmik können neurodegenerativen Erkrankungen um Jahre vorausgehen.
  • Derzeit besteht keine ausreichende Datenlage für eine spezifische Pharmakotherapie zur Langzeitbehandlung von Schlafstörungen bei Parkinson (PK)-Patienten. Zuerst sollten andere Schlafstörungen ausgeschlossen, danach Parkinson-spezifische motorische Komplikationen/Störungen identifiziert und behandelt werden, u.a. eine Verbesserung der nächtlichen Akinese, z.B. durch eine Umstellung auf langwirksame L-Dopa-Präparate und Dopaminagonisten.
  • Krankheitsdauer, weibliches Geschlecht und der Gebrauch von Dopaminagonisten können bei PK im Vergleich zu einer gesunden Kontrollpopulation Insomnie-verstärkende Faktoren sein.
  • In kleinen Fallserien hatten verschiedene Antidepressiva (wie Trazodon, Doxepin), Melatonin/Ramelteon und GABA-Agonisten (Eszopiclon/Zolpidem) einen positiven Effekt auf insomnische Beschwerden bei der PK. Duloxetin, Quetiapin und Clozapin haben keinen Effekt auf die Insomnie.
  • Die Behandlung mittels CBTi führte in kleineren Interventionsstudien, z.T. in Kombination mit Lichttherapie, zu einer signifikanten Verbesserung der subjektiven Schlafqualität.
  • Durchschlafstörungen bei PK nehmen in Abhängigkeit von der Einnahme von Dopaminagonisten und komorbider Depression in den ersten 5 Jahren der Erkrankung zu.
  • Fallserien zeigen nach Tiefer bilatateraler und unilateraler Hirnstimulation im N. subthalamicus eine Besserung der subjektiven Schlafqualität.

Insomnie bei Multipler Sklerose

  • Zwischen 12 und 22% aller Patienten mit Multipler Sklerose haben eine Insomnie.
  • Insomnie tritt im Vorfeld der MS gehäuft auf und kann ihr bis zu 10 Jahre vorausgehen.
  • Weibliches Geschlecht, Angststörung, Fatigue und weitere Komorbiditäten sind häufig mit chronischer Insomnie assoziiert.
  • MS-Patienten mit Schlafstörungen berichten über subjektive kognitive Störungen, die in Studien nicht objektiviert werden konnten.
  • Unter Corticosteroid-Therapie kann eine Suppression des Melatoninspiegels und damit eine Insomnie auftreten.

Insomnie bei traumatischen Hirnschäden

  • Eine Metaanalyse aller Schädel-Hirn-Trauma-Schweregrade zeigt eine Prävalenz von Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen von 50%, eine Insomnie von 29%.
  • 95% der Schädel-Hirn-Trauma-Patienten haben in der Akutphase erniedrigte Hypocretinspiegel im Liquor. Das Hypocretindefizit persistiert vor allem bei Patienten mit Narkolepsie-ähnlichen Symptomen.
  • Weibliches Geschlecht, eine schlechte prätraumatische Schlafqualität, eine reduzierte Schlafwahrnehmung und Kognition 2 Wochen nach dem Akuttrauma sind prädiktiv für eine chronische Insomnie.
  • 42% der Schädel-Hirn-Trauma-Patienten haben in abendlichen Speichelproben einen verminderten Melatoningehalt und eine verzögerte nächtliche Synthese als eine der möglichen Insomnie-Ursachen.

Insomnie bei Epilepsien

  • Die Prävalenz der Insomnie bei Epilepsiepatienten beträgt 36–74,4%, meist als chronische Durchschlafstörung.
  • 65,5% der Epilepsie-Patienten leiden an einer leichten bis moderaten und 28,9% an einer schweren Insomnie.
  • Mit Tiefenhirnstimulation des Nucleus thalami anterior behandelte Epilepsie-Patienten haben unter Stimulation häufigere nächtliche Weckreaktionen als ohne Stimulation.
  • In einer kleinen Studie mit 11 Kindern mit Epilepsien führten 9 mg Melatonin zu einer signifikanten Verkürzung der Einschlaflatenz.
  • Lamotrigin und Briviacetam können vermehrte insomnische Beschwerden verursachen.

Insomnie bei neuromuskulären Erkrankungen

  • Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen haben häufiger Insomnien als gesunde Kontrollen.

Insomnien bei Schlaganfall

  • Die Daten zum Schlaganfall-Risiko sind in prospektiven Studien für Patienten mit Insomnie auch unter Berücksichtigung konfundierender Faktoren nicht geklärt.
  • Das Risiko eines späteren kardio-zerebralen vaskulären Ereignisses ist bei Ein- und Durchschlafproblemen und nicht erholsamem Schlaf leicht erhöht.
  • Die Behandlung der Insomnie nach Schlaganfall sollte Verhaltensmaßnahmen beinhalten wie ruhige Atmosphäre in der Nacht mit Schutz vor übermäßigem Licht, am Tag möglichst viel Licht und körperliche Aktivität. Medikamentös sollte mit selektiven Benzorezeptoragonisten (Zolpidem) oder sedierenden Antidepressiva behandelt werden (Amitriptylin, Trazodon, Mianserin, Mirtazapin).
  • Akupunktur kann bei der Behandlung der Insomnie hilfreich sein.

Insomnie bei Demenz und Prionenerkrankungen

  • Patienten mit einer lang bestehenden Insomnie im Alter von 50–65 Jahren haben ein höheres Demenzrisiko.
  • Gebrauch von Hypnotika mit einer langen Halbwertszeit und in einer hohen Dosis erhöht das Demenzrisiko.
  • Patienten mit Creutzfeldt-Jakob-Erkrankungen haben sehr häufig weitere komorbide Schlafstörungen und können von deren Behandlung profitieren.
  • Melatonin hat laut einer Cochrane-Analyse keinen Effekt auf die Insomnie bei Demenz. Trazodon 50 mg verlängert die Schlafdauer und die Schlafeffizienz.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Insomnie bei Kopfschmerzen

  • Neben der symptomorientierten medikamentösen Therapie wird bei Kopfschmerzen der Einsatz der kombinierten kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) empfohlen.
  • Lichttherapie, kognitive Verhaltenstherapie und Melatonin können trotz fehlender belastbarer Daten aus entsprechenden randomisierten, kontrollierten Studien empfohlen werden.
  • Eszopiclon, Doxepin, Zolpidem, Trazodon, Ramelteon und Melatonin können zur Behandlung der Insomnie bei PK eingesetzt werden. Die Evidenz bezüglich der Wirksamkeit ist jedoch derzeit noch ungenügend. (Übersicht bei Loddo, 2017; Rodriguez, 2016; Trotti, 2016).
  • Die subjektive Schlafqualität kann durch Behandlung mit dem Antipsychotikum Pimavanserin und den Antidepressiva Venlafaxin und Nortriptylin verbessert werden.
  • Die Behandlung mit Duloxetin, Quetiapin und Clozapin bei Insomnie wird wegen unzureichender Evidenz der Wirksamkeit nicht empfohlen.
  • Lichttherapie mit 1000 bis 7500 Lux für 30 bis 90 Minuten kann zur Behandlung der Insomnie bei neurodegenerativen Erkrankungen empfohlen werden.
  • Optimierung der Schlafhygiene, kognitiv-behaviorale Therapie (CBTi), Lichttherapie sowie Melatonin können in der Behandlung der Insomnie eingesetzt werden.
  • Die Schlafqualität der Angehörigen/Pflegepersonen sollte ebenfalls evaluiert werden, da Störungen des Schlafes bei den Angehörigen/Pflegenden auch eine Qualitätsminderung der Versorgung bewirken können.

Insomnie bei Multipler Sklerose

  • Zur Behandlung der Insomnie bei MS kann die CBTi empfohlen werden.
  • Ein probatorischer Einsatz von Melatonin ist möglich.
  • Insomnie gilt als Prodromalsymptom für das Auftreten einer MS und sollte bei einer differenzialdiagnostischen Abklärung der Ursachen einer Insomnie mitberücksichtigt werden.

Insomnie bei traumatischen Hirnschäden

  • Der Einsatz der kombinierten pharmakologischen und kognitiven Verhaltenstherapie (CBTi) soll erfolgen, wenn es die klinischen Begleitumstände erlauben.

Insomnie bei Epilepsien

  • Es sollten vorzugsweise AE eingesetzt werden, die den Schlaf nicht stören.
  • Retardiertes Melatonin kann bei Epilepsie-Patienten eingesetzt werden, um die Einschlaflatenz zu verkürzen.

Insomnie bei neuromuskulären Erkrankungen

  • Insomnien sollten aufgrund ihrer klinischen Relevanz bei FSHD (Fazio-skapulo-humerale Muskeldystrophie), EBM (Einschlusskörpermyositis) und MD2 (Myotone Dystrophie Typ 2) anamnestisch und diagnostisch beachtet werden.

Insomnien bei Schlaganfall

  • Therapien mit Echtlicht, Benzodiazepinrezeptoragonisten, sedierenden Antidepressiva, kognitiver Verhaltenstherapie und Akupunktur können empfohlen werden.

Insomnie bei Demenz und Prionenerkrankungen

  • Für die in der gängigen Praxis verordneten Hypnotika wie Benzodiazepine, Benzodiazepinrezeptoragonisten und Phytotherapeutika konnten keine Studien mit positivem Nutzen für Demenzkranke mit Insomnie gefunden werden. Diese Medikamente sollten primär zu Insomniebehandlung nicht verabreicht werden.
  • Unretardiertes, retardiertes Melatonin und Melatoninagonisten sind bei Schlafstörungen von Patienten mit Alzheimer-Demenz nicht indiziert.
  • Lichttherapie (2500 Lux Vollspektrum) in Kombination mit 30 Minuten Laufen an mindestens 4 Tagen der Woche wird zur Besserung der Schlafdauer empfohlen.

Bitte beachten Sie: Die Langversion der Leitlinie finden Sie als PDF zum Download oben.