Kapitel: Extrapyramidalmotorische Störungen

Tremor

Stand: 01. Juni 2022

Entwicklungsstufe: S2k
Online seit: 25. August 2022

Gültig bis: 30. Mai 2027

Zuletzt bearbeitet am: 25. August 2022

AWMF-Registernummer: 030/011

Federführend:
Prof. Dr. Günther Deuschl, Kiel g.deuschl@neurologie.uni-kiel.de
Assoz. Prof. Dr. Petra Schwingenschuh, Graz petra.schwingenschuh@medunigraz.at

PDF-Download
Leitlinienreport (PDF)
Archiv LL 2012
Archiv LL 2008
Zitierhinweis
Deuschl G., Schwingenschuh P. et al., Tremor, S2k-Leitlinie, 2022; in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am TT.MM.JJJJ)

Herausgeber

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)

 Beteiligte Fachgesellschaften und Organisationen

  • Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN)
  • Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG)
  • Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC)
  • Selbsthilfegruppe Essentieller Tremor Köln-Bonn
  • Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM, Minor Review)

Bitte beachten Sie: Die Langversion der Leitlinie finden Sie als PDF zum Download oben.

Was gibt es Neues?

  • Vom Essentiellen Tremor (ET) wird der Essentieller Tremor plus (ET+) abgegrenzt. Letzterer wird diagnostiziert, wenn eines der folgenden neurologischen Symptome (‚soft signs‘) vorliegt: leicht gestörter Seiltänzergang, fragliche dystone Symptome, diskrete Gedächtnisstörung, Ruhetremor, andere diskrete neurologische Auffälligkeiten. Für ET und ET plus gelten die gleichen Therapieempfehlungen.
  • Neben den etablierten Therapien für den essentiellen Tremor (Propranolol, Primidon) wird Topiramat (Zieldosis ≥ 200 mg TD) unter die empfohlenen Medikamente eingeordnet. Alle drei Medikamente haben unterschiedliche Nebenwirkungsprofile, die maßgeblich für die Indikation sind.
  • Die Wirksamkeit von elektromyographisch gesteuerten Botulinumtoxin wurde mit einem günstigen Nebenwirkungsprofil für den dystonen Armtremor nachgewiesen.
  • In der Behandlung des Funktionellen Tremors zeigte sich spezialisierte Physiotherapie mit Aufklärung, Umschulung von Bewegungen und langfristigem Fokus auf Selbstmanagement als wirksam.
  • Mit dem MRT gesteuerten fokussierten Ultraschall (MRgFUS) steht eine neue, nicht invasive, läsionelle Therapie zur einseitigen Behandlung des medikamentenresistentem ET und mit bislang ungenügender Evidenz auch des Parkinson-Tremors zur Verfügung.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Nr.

Empfehlung

Empfehlungsstärke

 

 

 

Essentieller Tremor

1

Propranolol soll zur Behandlung des essentiellen Tremors (ET/ET+) eingesetzt werden. Typische Nebenwirkungen und Kontraindikationen können den Einsatz begrenzen.

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2

Primidon soll zur Behandlung des essentiellen Tremors (ET/ET+) eingesetzt werden (off label). Typische Nebenwirkungen und Kontraindikationen können den Einsatz begrenzen.

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3

Topiramat soll zur Behandlung des ET/ET+ eingesetzt werden (off label). Nebenwirkungen und Kontraindikationen können den Einsatz begrenzen. Hohe Abbruchraten in den Studien sowohl in den Verum als auch in den Placebo-gruppen wegen lästiger, aber nur ausnahmsweise gefährlicher Nebenwirkungen, sind bekannt.

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4

Medikamente erster Wahl zur Behandlung des essentiellen Tremors sind: Propranolol (30-240 mg), Primidon (62,5-750 mg) (off label) und Topiramat (200-400 mg) (off label). Die Antitremor-Wirksamkeit liegt für die 3 Interventionen im Bereich zwischen 35% und 60%.  Die Auswahl der individuell geeigneten Intervention orientiert sich an den Kontraindikationen und der individuellen Verträglichkeit. Die Kombination von Primidon (250 mg) und Propranolol (80 mg) war besser wirksam als jede Behandlung für sich.

Die aktuelle Studienlage erlaubt keine gesonderten Therapieempfehlung für die wichtigen Untergruppen junger oder älterer Patienten. Pragmatisch werden bei älteren Patienten häufiger Primidon und bei jüngeren Patienten häufiger Betablocker eingesetzt. Langsame Eindosierungsschemata werden pragmatisch empfohlen. Alternativ kann Topiramat eingesetzt werden. Für Propranolol und Primidon ist eine additive Wirkung gezeigt. Wenn ein Medikament nur unbefriedigend wirksam ist oder Nebenwirkungen zeigt, sollten die verbleibenden Medikamente eingesetzt werden.

5

Die Behandlung des esentiellen Tremors der Hände mit Botulinumtoxin kann erwogen werden. Die Wirkstärke liegt im Bereich der oralen Medikamente. Sie kann aber mit einer relevanten, reversiblen Muskelschwäche verbunden sein.  Die Therapie erfordert eine besondere Ausbildung des Behandlers.[i]

Die Therapie kann daher nur mit diesen Einschränkungen empfohlen werden.

6

Für die Behandlung des essentiellen Tremors kann auf Atenolol oder Sotalol oder Gabapentin oder Theophyllin wegen nicht überzeugender Wirksamkeit verzichtet werden.

7

Für die Behandlung des essentiellen Tremors kann auf Clozapin wegen nicht überzeugender Wirkung und potentiell schwerwiegenden Nebenwirkungen verzichtet werden.

8

Wegen der allgemeinen relativen Kontraindikationen gegen eine Dauertherapie mit Benzodiazepinen sollte der essentielle Tremor nicht mit Alprazolam oder Clonazepam behandelt werden - trotz vorhandener bzw. fraglicher Wirksamkeit.

Ausnahme: Bei milden Formen kann Alprazolam als Bedarfsmedikation (streng begrenzt auf max. 1x/ Woche) erwogen werden.

 

9

Folgende Medikamente sollen wegen fehlendem oder nicht-signifikantem Nutzen zur Behandlung des essentiellen Tremors nicht eingesetzt werden: Levetiracetam, Trazodon, Pindolol, Acetazolamid, Mirtazapin, 4-Amino-Pyridin, Pregabalin, Nifedipin und Verapamil.

⇓⇓

10

Die Wirksamkeit von Metoprolol zur Behandlung des essentiellen Tremors ist durch die vorliegenden Studien nicht zweifelsfrei belegt. Daher sollte Metoprolol bei der gegebenen ungünstigen Evidenzlage nicht als Ersatz für Propranolol zur Behandlung des essentiellen Tremors eingesetzt werden. 

11

Die unilaterale tiefe Hirnstimulation des Thalamus sollte schwer betroffenen Patienten mit medikamentenresistentem essentiellem Tremor angeboten werden. Die Abklärung der individuellen Indikation bleibt den Spezialzentren vorbehalten.

12

Die bilaterale tiefe Hirnstimulation des Thalamus sollte schwer betroffenen Patienten mit ET oder ET-Patienten mit schwerem axialem Tremor (Stimmtremor oder Kopftremor) angeboten werden, wenn die Symptome medikamentenresistent sind. Die Abklärung der individuellen Indikation bleibt den Spezialzentren vorbehalten.

13

Die unilaterale fokussierte Ultraschallbehandlung (MRgFUS) sollte Patienten mit medikamentenresistentem essentiellem Tremor angeboten werden, wenn eine einseitige Behandlung aussichtsreich ist und / oder eine Verbesserung der Lebensqualität für den Patienten trotz nur unilateraler Tremorreduktion anzunehmen ist. Die Festlegung der individuellen Indikation bleibt den Spezialzentren vorbehalten.

14

Die bilaterale fokussierte Ultraschallbehandlung (MRgFUS) kann vorerst - wegen fehlender Studien und der Vorerfahrung schwerer dysarthrischer Nebenwirkungen bei Radiofrequenz-Thalamotomien – nur im Rahmen prospektiver Studien und Register erwogen werden.

15

Die unilaterale Thalamotomie mit Radiofrequenzläsionen sollte nicht mehr eingesetzt werden außer bei Nichteinsetzbarkeit nebenwirkungsärmerer Methoden in begründeten Ausnahmefällen und in spezialisierten Zentren.

Die bilaterale Thalamotomie mit Radiofrequenzläsionen soll nicht eingesetzt werden.

 

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16

Die Thalamotomie mit Radiochirurgie sollte nicht eingesetzt werden. 

 

 

Verstärkter Physiologischer Tremor

17

Propranolol kann nicht generell zur Therapie des verstärkten Physiologischen Tremors empfohlen werden, kann aber in Einzelfällen unter Berücksichtigung des Nebenwirkungsprofils erwogen werden.

 

 

Fokale Tremores

18

Die Standardmedikamente Propranolol, Primidon und Topiramat sind beim essentiellen Kopftremor wahrscheinlich weniger wirksam als beim Händetremor - bei allerdings ungenügender Studienlage.

Da die Alternativ-Interventionen aber durchweg invasiv sind, können die Standardmedikamente erprobt werden.

19

Beim dystonen Kopftremor kann auf eine Therapie mit Propranolol verzichtet werden.

20

Escitalopram sollte nicht zur Behandlung des dystonen Kopftremor eingesetzt werden. 

21

Die Behandlung des Kopftremors mit lokaler Injektion von Botulinumtoxin ist bei mehr als der Hälfte der Patienten unabhängig von der Ursache (isoliert, dystoner oder essentieller Kopftremor) wirksam.  Die Nebenwirkungen können erheblich sein (Kopfhalteschwäche, Nackenschmerzen, Schluckstörung), daher erfordert die Therapie eine besondere Ausbildung des Behandlers. i

Botulinumtoxin sollte zur Therapie des dystonen Kopftremors eingesetzt werden.

Bei erfolgloser oraler Therapie kann die Behandlung mit Botulinumtoxin auch beim nicht-dystonen Kopftremor eingesetzt werden.

 

 

 


22

Bei ausgeprägtem Medikamenten-resistentem essentiellem Kopftremor sollte die bilaterale Tiefe Hirnstimulation des VIM angeboten werden.

Bei ausgeprägtem Medikamenten-resistentem dystonem Kopftremor sollte die bilaterale Tiefe Hirnstimulation des GPI angeboten werden.

Alternativ kann VIM als Zielpunkt erwogen werden, wenn der Tremor ausgeprägter ist als die Dystonie.

 

 

23

Die Behandlung des Kopftremors mit MRgFUS befindet sich derzeit in der klinischen Erprobung. Kontrollierte Studien fehlen. Wahrscheinlich ist eine bilaterale Behandlung erforderlich, die möglicherweise erhöhte Risiken hat. Daher kann die Behandlung nur im Rahmen von kontrollierten klinischen Studien erwogen werden.

24

Die selektive chirurgische Denervierung sollte nicht zur Behandlung des dystonen Kopftremors eingesetzt werden.

25

Botulinumtoxin kann unter Berücksichtigung des Nebenwirkungsprofils zur Therapie des Stimmtremors erwogen werden. Die Therapie erfordert eine besondere Ausbildung des Behandlers. i

26

Die Wirksamkeit von Propranolol und Primidon ist bei ungenügender Studienlage beim Stimmtremor nicht hinreichend belegt. 

Da die Alternativ-Interventionen aber durchweg invasiv sind, können diese Medikamente im Einzelfall versucht werden.

 

 

27

Methazolamid sollte nicht zur Behandlung des essentiellen Stimmtremors eingesetzt werden

28

Bei ausgeprägtem Medikamenten-resistentem essentiellem Stimmtremor sollte die bilaterale Tiefe Hirnstimulation des VIM angeboten werden.

Bei ausgeprägtem Medikamenten-resistentem dystonem Stimmtremor sollte die bilaterale Tiefe Hirnstimulation des GPI angeboten werden.

Alternativ kann der VIM als Zielpunkt erwogen werden, wenn der Tremor ausgeprägter ist als die Dystonie.

 

 

 

 

Dystoner Tremor

29

Botulinumtoxin sollte unter Berücksichtigung des Nebenwirkungsprofils zur Therapie des behindernden dystonen Händetremors eingesetzt werden. Die Therapie erfordert eine besondere Ausbildung des Behandlers.i

30

Beim dystonen Händetremor kann auf eine Therapie mit Propranolol verzichtet werden.

32

Bei schwer betroffenen Patienten mit dystonem Tremor der Hände sollte die unilaterale oder bilaterale tiefe Hirnstimulation empfohlen werden. Die Auswahl des geeigneten Zielpunktes (GPI oder VIM uni oder bilateral) muss individuell erfolgen.

32

Es liegen keine belastbaren Daten zum Einsatz der Methode bei dystonem Tremor vor. Bei schwer betroffenen Patienten mit asymmetrischem dystonem Tremor der Hände kann die unilaterale Behandlung mit MRgFUS im VIM im Rahmen von Registern oder Studien erwogen werden.

33

Botulinumtoxin kann nicht generell zur Therapie des Aufgabenspezifischen Händetremors empfohlen werden, kann aber in Einzelfällen unter Berücksichtigung des Nebenwirkungsprofils erwogen werden. Die Therapie erfordert eine besondere Ausbildung des Behandlers.i

34

Propranolol oder Primidon können nicht generell zur Therapie des Aufgabenspezifischen Händetremors empfohlen werden, können aber in Einzelfällen erwogen werden.

35

Beim Aufgabenspezifischen Händetremor kann auf eine Therapie mit Trihexyphenidyl verzichtet werden.

36

Beim Aufgabenspezifischen Schreibtremor kann nicht generell eine Versorgung mit einer Schreiborthese empfohlen werden. Allerdings können eine ergotherapeutische Beratung und die individuelle Evaluation, ob eine Orthese hilfreich ist, erwogen werden.

37

TENS sollte nicht zur Behandlung des Aufgabenspezifischen Schreibtremors eingesetzt werden.

38

Bei ausgeprägtem Medikamenten-resistentem aufgabenspezifischem Händetremor kann die unilaterale Tiefe Hirnstimulation im VIM erwogen werden. 

 

 

Parkinson-Tremor

39

Statement: Die Therapie des Parkinson-Tremors geht primär konform mit der Therapie anderer motorischer Parkinson-Symptome.

Es wird empfohlen die Einstellung mit den Zielsymptomen Akinese und Rigor vorzunehmen, wobei sich meist äquivalent auch der Parkinson-Tremor bessert. Zur Erstbehandlung stehen L-Dopa, MAO-Hemmer und Dopaminagonisten zur Auswahl.

Die Wahl der Erstmedikation ist abhängig von klinischen Faktoren wie Alter, Begleiterkrankungen und Schwere der motorischen Symptomatik.

 

40

L-Dopa ist das wirksamste Medikament zur Therapie der Symptome der Parkinson-Krankheit und wird in allen Stadien eingesetzt (Übernahme Parkinson-LL). Wird L-Dopa in der Ersteinstellung mit den Zielsymptomen Akinese und Rigor eingesetzt, bessert sich meist äquivalent auch der Parkinson-Tremor.

Gegen Parkinson-Tremor, der refraktär gegenüber Standard-Dosen von L-Dopa ist, können im Einzelfall eine Erhöhung der L-Dopa-Tagesdosis oder hohe L-Dopa-Einzeldosen hilfreich sein. Eine dauerhafte Erhöhung der L-Dopa-Dosis bei schwer behandelbarem Tremor sollte jedoch gegen ein erhöhtes Risiko motorischer Komplikationen abgewogen werden.

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41

Die kontinuierliche LCIG-Infusion kann eingesetzt werden, um OFF-Dauer und Dyskinesien bei Patienten mit schweren motorischen Komplikationen zu verbessern. Diese Therapieform sollte nur von darin erfahrenen Ärzten/innen unter Einbeziehung neurologischer und gastroenterologischer Kompetenzen initiiert werden. (Übernahme Parkinson LL)

Die kontinuierliche LCIG-Infusion kann unter anderem dazu eingesetzt werden, um OFF-Dauer - und somit auch die Dauer des OFF-assoziierten Tremors - bei Patienten mit schweren motorischen Komplikationen zu bessern.

*Diese Therapieform sollte nur von darin erfahrenen Ärzten/innen initiiert werden und bedarf eines entsprechenden Monitorings.

42

MAO-B-Hemmer als Monotherapie sollten als eine von 3 Alternativen zur Therapie der Symptome der frühen Parkinson-Krankheit, einschließlich des Symptoms Tremor, verwendet werden. (Übernahme Parkinson-LL)

COMT-Hemmer und MAO-B-hemmer werden zur adjuvanten Behandlung der Parkinson-Symptome eingesetzt. (Übernahme Parkinson-LL)

Selegilin/Rasagilin/Safinamid und Entacapon/Opicapon/Tolcapon sollten in der Kombinationstherapie mit L-Dopa zur Therapie des Parkinson-Tremors erwogen werden.

43

Dopaminagonisten sollten zur Therapie der Symptome der Parkinson-Krankheit in Monotherapie (in der Frühphase als eine von 3 Alternativen) und Kombinationstherapie verwendet werden. Es wird empfohlen die Einstellung mit den Zielsymptomen Akinese und Rigor vorzunehmen, wobei sich meist äquivalent auch der Parkinson-Tremor bessert. (Übernahme Parkinson-LL)

Bei MAO-B-Hemmer refraktärem Tremor kann ein Umstellen auf einen Dopaminagonisten erwogen werden.

Bei L-Dopa refraktärem Tremor kann eine Kombination mit einem Dopaminagonisten erwogen werden.

 

 

 

44

Intermittierende subkutane einzelne Apomorphin-Injektionen und die kontinuierliche subkutane Apomorphin-Infusion mit einem Pumpensystem* können bei Patienten mit schweren motorischen Fluktuationen eingesetzt werden. (Übernahme Parkinson-LL) 

Die vorliegenden Daten weisen auf eine gute Antitremor-Wirkung von subkutan verabreichtem Apomorphin hin, vergleichbar zu L-Dopa. Für einen über L-Dopa hinausgehenden Antitremor-Effekt von Apomorphin gibt es keinen Hinweis.

*Diese Therapieform sollte nur von darin erfahrenen Ärzten/innen initiiert werden und bedarf eines entsprechenden Monitorings.

45

Anticholinergika werden bei Parkinson-Patient*innen wegen der anticholinergen Nebenwirkungen nur noch bei anderweitig nicht behandelbarem Tremor eingesetzt. (Übernahme Parkinson-LL)

Anticholinergika können bei jüngeren, kognitiv unbeeinträchtigten Patienten bei mit anderen Medikamenten nicht behandelbarem Tremor erprobt werden.

Anticholinergika sollen bei geriatrischen und/oder kognitiv eingeschränkten Patient*innen nicht eingesetzt werden.

 


 

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46

Amantadin kann in der Frühtherapie der Parkinson-Therapie genutzt werden, sofern die schwache Wirkung auf die Parkinson-Symptome ausreicht. Bei fortgeschrittener Erkrankung kann Amantadin oral zur Behandlung von Dyskinesien und als Infusion zur Behandlung der akinetischen Krise eingesetzt werden. (Übernahme Parkinson-LL)

In der Therapie des Parkinson-Tremors kann auf den Einsatz von Amantadin verzichtet werden. 

 

47

Für die Behandlung der motorischen Parkinson-Symptome außer Tremor sind Betablocker, Primidon und Clonazepam nicht wirksam und haben daher keine übergreifende Indikation. (Übernahme Parkinson-LL)

Betablocker können für die Therapie des posturalen Parkinson-Tremors erwogen werden (off-label).

Auf den Einsatz von Primidon und Clonazepam kann in der Therapie des Parkinson-Tremors verzichtet werden.

 

 



48

Clozapin hat lediglich zur Behandlung psychotischer Symptome bei der Parkinson-Krankheit eine zugelassene Indikation. (Übernahme Parkinson-LL)

Unter Berücksichtigung der möglichen erheblichen Nebenwirkungen kann der Einsatz von Clozapin zur Therapie des Parkinson-Tremors erwogen werden (off-label), wenn andere Medikamente nicht ausreichend wirksam oder kontraindiziert sind, eine chirurgische Parkinson-Therapie noch nicht gewünscht oder kontraindiziert ist und ein adäquates Nebenwirkungsmonitoring gewährleistet ist.

 

49

Zonisamid kann in der allgemeinen Parkinson-Therapie als Zusatztherapie bei motorischen Fluktuationen eingesetzt werden (off-label).

Auf den Einsatz von Zonisamid kann in der Therapie des Parkinson-Tremors verzichtet werden.

50

Für die Behandlung der motorischen Parkinson-Symptome außer Tremor ist Botulinumtoxin nicht wirksam und hat daher keine übergreifende Indikation. (Übernahme Parkinson-LL)

Botulinumtoxin kann unter Berücksichtigung des Nebenwirkungsprofils zur Therapie des Therapierefraktären Parkinson-Tremors der Hände erwogen werden.

Die Therapie erfordert eine besondere Ausbildung des Behandlers. i

Der Einsatz von Botulinumtoxin kann in der Therapie des Therapierefraktären Parkinson Kiefertremors und Kinntremors erwogen werden. Die Therapie erfordert eine besondere Ausbildung des Behandlers.i

 

 

 

51

Die bilaterale elektrische Stimulation des Nucleus subthalamicus sollte Patient*innen mit Morbus Parkinson und schwerem, medikamentös nicht kontrollierbarem Parkinson-Tremor als Standard unter den invasiven Verfahren angeboten werden, wenn folgende Voraussetzungen zutreffen (Übernahme Parkinson-LL):

  • Parkinson-Symptome sprechen auf Levodopa an (> 33% des UPDRS III, Tremor muss nicht ansprechen)
  • keine Frühsymptome einer Demenz (Mattis Score > 130)
  • keine signifikante psychische oder somatische Komorbidität
  • keine neurochirurgischen Kontraindikationen

Die Therapie ist mit einem operativen Eingriff und damit besonderen Risiken verbunden, die gegen den Gewinn durch die Therapie individuell abgewogen werden müssen.

52

Die unilaterale MRgFUS-Therapie im VIM kann zur Behandlung des schweren, medikamentös refraktären Parkinsontremors im Rahmen von klinischen Studien oder Registern erwogen werden.

53

Die unilaterale Thalamotomie im VIM durch Gamma-Knife-Behandlung sollte aufgrund der potenziell hohen Risiken für unerwünschte Ereignisse nicht mehr zur Behandlung des schweren, medikamentös refraktären Parkinsontremors empfohlen werden. 

54

Die unilaterale Thalamotomie mit Radiofrequenzläsionen sollte nicht mehr zur Behandlung des schweren, medikamentös refraktären Parkinsontremors eingesetzt werden außer bei Nichteinsetzbarkeit nebenwirkungsärmerer Methoden in begründeten Ausnahmefällen und in spezialisierten Zentren.

Die bilaterale Thalamotomie mit Radiofrequenzläsionen soll nicht eingesetzt werden.

 

 

⇓⇓

 

 

Zerebellärer Tremor

55

Carbamazepin kann zur Therapie des läsionell verursachten zerebellären Tremors erwogen werden (off-label).

56

Levetiracetam sollte nicht zur Therapie des zerebellären Tremors eingesetzt werden.

57

Tetrahydrocannabinol sollte nicht zur Therapie des zerebellären Tremors eingesetzt werden.

58

Ondansetron kann nicht generell zur Therapie des zerebellären Tremors empfohlen werden, ein Therapieversuch kann aber in Einzelfällen erwogen werden (off-label).

59

Beim zerebellären Tremor kann auf eine Therapie mit Isoniazid verzichtet werden.

60

Beim zerebellären Tremor kann eine Therapie mit Propranolol trotz fehlender Evidenz im Einzelfall erwogen werden.

61

Beim zerebellären Tremor kann auf eine Therapie mit Primidon verzichtet werden.

62

Beim zerebellären Tremor kann auf eine Therapie mit Topiramat verzichtet werden.

63

Die tiefe Hirnstimulation (VIM) kann an spezialisierten Zentren bei Patienten mit einem medikamenten-resistenten zerebellären Tremor in Einzelfällen unter Berücksichtigung möglicher Nebenwirkungen erwogen werden.

64

Die radiochirurgische Thalamotomie mit Gamma-Knife sollte nicht zur Therapie des zerebellären Tremors eingesetzt werden.

 

 

 

 

Orthostatischer Tremor

65

Gabapentin sollte zur Behandlung des primären orthostatischen Tremors eingesetzt werden (off-label).

66

Clonazepam kann nicht generell zur Therapie des primären orthostatischen Tremors empfohlen werden, kann aber in Einzelfällen unter Berücksichtigung des Nebenwirkungsprofils erwogen werden (off-label).

67

Perampanel kann in Einzelfällen unter Berücksichtigung des Nebenwirkungsprofils bei Patienten mit orthostatischem Tremor erwogen werden (off-label).

68

Levetiracetam sollte nicht zur Behandlung des primären orthostatischen Tremors eingesetzt werden.

69

Botulinumtoxin sollte nicht zur Behandlung des primären orthostatischen Tremors eingesetzt werden.

70

L-Dopa sollte nicht zur Behandlung des primären orthostatischen Tremors eingesetzt werden.

71

Bei Patienten mit orthostatischem Tremor kann auf eine Therapie mit Pramipexol, Primidon, Propranolol oder Valproat verzichtet werden.

72

Die tiefe Hirnstimulation im VIM kann an spezialisierten Zentren bei Patienten mit ausgeprägtem orthostatischem Tremor erwogen werden.

73

Auf eine elektrische epidurale Hinterstrangstimulation (spinal cord stimulation, SCS) kann beim primären orthostatischen Tremor verzichtet werden.

 

 

 

 

Funktioneller Tremor

74

Medikamentöse Therapien gegen Tremor sollten nicht generell zur Therapie des funktionellen Tremors eingesetzt werden.

Antidepressiva können bei entsprechenden Komorbiditäten (Depression, Angststörung) erwogen werden.

 

75

Botulinumtoxin soll nicht zur Behandlung des funktionellen Tremors eingesetzt werden.

⇓⇓

76

Patienten mit funktionellem Tremor sollen eine Spezialisierte Physiotherapie mit Aufklärung, Umschulung von Bewegungen und langfristigem Fokus auf Selbstmanagement erhalten.

⇑⇑

77

Patienten mit funktionellem Tremor sollten eine Kognitive Verhaltenstherapie und wenn nicht verfügbar eine auf der Kognitiven Verhaltenstherapie basierte Selbsthilfe erhalten.

78

Psychodynamische Therapie kann bei Patienten mit funktionellem Tremor und guter Krankheitseinsicht, guter Motivation zur Therapie und vermutetem Auslöser erwogen werden.

79

Hypnose kann im Einzelfall im Rahmen eines multidisziplinären Behandlungsprogramms erwogen werden.

80

Tremor-Retrainment als Biofeedbackmethode kann zur Therapie des funktionellen Tremors erwogen werden.

81

1-Hz-Repetitive Magnetstimulation kann in spezialisierten Zentren mit validierten rTMS-Parametern in Erwägung gezogen werden.

 

i  Zertifikat des Arbeitskreises Botulinumtoxin (https://www.ak-botulinumtoxin.de/akademie/qualitaetsnachweis-qualifizierte-botulinumtoxintherapie); Zertifizierung zur Anwendung von Botulinumtoxin in neurologischen Indikationen der Österreichische Dystonie- und Botulinumtoxin-Arbeitsgruppe (http://www.botulinum.at/)


Bitte beachten Sie: Die Langversion der Leitlinie finden Sie als PDF zum Download oben.

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