Kapitel: Degenerative Erkrankungen

Motoneuronerkrankungen

Stand: 13. August 2021

Entwicklungsstufe: S1
Online seit: 18. November 2021

Gültig bis: 12. August 2026

Zuletzt bearbeitet am: 18. November 2021

AWMF-Registernummer: 030/001

Federführend:
Prof. Dr. Albert C. Ludolph, albert.ludolph@rku.de
Prof. Dr. Susanne Petri,
petri.susanne@mh-hannover.de
Prof. Dr. Julian Großkreutz, julian.grosskreutz@neuro.uni-luebeck.de

PDF-Download
Clinical Pathway (PDF)
Tabelle Erklärung von Interessen (PDF)
Archiv LL ALS 2014
Archiv LL ALS 2012
Archiv LL ALS 2008
Zitierhinweis
Ludolph A., Petri S., Grosskreutz J. et al., Motoneuronerkrankungen, S1-Leitlinie, 2021, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am TT.MM.JJJJ)

Was gibt es Neues?

  • Aktuelle Forschungsergebnisse unterstützen das Vorliegen eines genetisch, molekularpathologisch und pathophysiologisch überlappenden Spektrums degenerativer Motoneuronerkrankungen, der mit der Aggregation spezifischer Proteine (TDP-43, SOD1, FUS) assoziierten Erkrankungen, der hereditären spastischen Spinalparalysen (HSP), der spinobulbären Muskelatrophie (SBMA) und der spinalen Muskelatrophie (SMA).
  • Die Nähe der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) zu frontotemporalen Demenzen (FTD) ist anerkannt und hat diagnostische und auch eine mögliche therapeutische Bedeutung.
  • Klinische Phänotypen der ALS (primäre Lateralsklerose, Flail-arm-/Flail-leg-Syndrom, progressive Muskelatrophie, progressive Bulbärparalyse, ALS/frontotemporale Demenz (FTD)) sind Teil des Spektrums der Erkrankung.
  • Es existiert eine auf neuropathologischen Kriterien beruhende Einteilung in Subformen („Brettschneider-Braak-Stadien“), die ähnlich wie bei M. Parkinson und M. Alzheimer eine Stadieneinteilung in vivo repräsentieren. Diese wurden und werden in bildgebenden, elektrophysiologischen und klinischen Studien bestätigt, sind aber noch Gegenstand intensiver Diskussion und bisher für den praktischen Einsatz in der Klinik nicht relevant. Diese Stadien definieren bei der ALS keine präklinische Phase.
  • Die Bestimmung der Neurofilamente, insbesondere der leichten Neurofilamentkette (NfL) im Serum und der phosphorylierten schweren Kette (pNfH) im Liquor, ist, obwohl nicht ALS-spezifisch, als differenzialdiagnostischer und prognostischer Marker sinnvoll.
  • Die nicht invasive Heimbeatmung ist lebensverlängernd, symptomatisch wirksam und verbessert daher die Lebensqualität (vor allem bei Patient*innen, die eine primär axiale Symptomatik aufweisen).
  • Es ist wahrscheinlich, dass die Anlage einer PEG – insbesondere bei Beachtung von spezifischen Ernährungsstrategien – mit weniger Katabolismus, besserer Lebensqualität und verlängertem Überleben verbunden ist.
  • Der Wert einer angemessenen palliativen Therapie und Hilfsmittelversorgung ist anerkannt.
  • Die intravenöse Gabe des Antioxidans Edaravone ist zur Therapie der ALS in Japan, den USA, Kanada, der Schweiz und Südkorea zugelassen, ein Zulassungsantrag bei der EMA wurde zurückgezogen.
  • Für den MAO-B-Inhibitor Rasagilin sowie für eine hochkalorische fettreiche Nahrungsergänzung konnten in 2 Phase-IIb-Studien in Post-hoc-Analysen positive Effekte in ALS-Patient*innen mit rascher Krankheitsprogression gezeigt werden. Eine abschließende Bewertung steht jedoch noch aus.
  • Für die spinale Muskelatrophie (SMA) mit Mutationen auf Chromosom 5q (5q-SMA) ist seit 2017 die Therapie mit dem Antisense-Oligonukleotid Nusinersen ohne Altersbeschränkung zugelassen und zeigt in ersten Verlaufsbeobachtungen bei erwachsenen SMA-Patient*innen krankheitsstabilisierende und/oder die Symptomatik verbessernde Effekte. Für erwachsene SMA-Patient*innen mit 1–4 SMN2-Kopien kommt eine Therapie mit dem oralen Spleißmodulator Risdiplam infrage. Auch für einige genetische Formen der ALS befinden sich Antisense-Oligonukleotid-Therapien in einer zum Teil schon fortgeschrittenen klinischen Entwicklung.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

  • Riluzol (2 x 50 mg/d) verzögert den Krankheitsprozess.
  • Die Ziele der symptomatischen (palliativen) Therapie sind der Erhalt der Lebensqualität und der Autonomie, eine frühzeitige Aufklärung und die Erstellung einer Patientenverfügung, unter Wahrnehmung der ärztlichen Fürsorgepflicht.
  • Eine den klinischen Einschränkungen entsprechende begleitende Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie ist dauerhaft notwendig und sinnvoll.
  • Die nicht invasive Heimbeatmung ist für die überwiegende Mehrzahl der Patient*innen symptomatisch und lebensverlängernd wirksam. Eine frühzeitige Aufklärung der Patient*innen und ihrer Angehörigen über diese Möglichkeit ist sinnvoll.
  • Es sollte eine Pneumonieprophylaxe mit physikalischer Therapie und frühzeitiger Antibiotikatherapie bei Infektionen des respiratorischen Trakts und einer Behandlung der Sialorrhoe durchgeführt werden.
  • Die perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG), über die die Patient*innen und ihre Angehörigen frühzeitig aufgeklärt werden sollten, verhindert das Auftreten des negativen prognostischen Faktors Katabolismus und ist wahrscheinlich – insbesondere bei Beachtung von spezifischen Ernährungsstrategien – mit einer besseren Lebensqualität und einem längeren Überleben verbunden. Erste Studien weisen auf eine Wirkung einer antikatabolen Diät bei allen ALS-Patient*innen, besonders bei stärker progredienten Verläufen, hin.
  • Eine symptomatische Therapie der Dysarthrie und anderer die Lebensqualität beeinträchtigender, krankheitsassoziierter Symptome (Hypersalivation, Verschleimung, Depression, Krämpfe, Schmerz) wird empfohlen.
  • Eine adäquate Hilfsmittelversorgung zum größtmöglichen Erhalt der Autonomie und zur Vermeidung von Sekundärkomplikationen sollte frühzeitig in die Wege geleitet werden.
  • Die Erstellung einer Patientenverfügung, ihre kontinuierliche Überprüfung, ein Notfallplan für die Familie und die Angehörigen und die Anbindung an ein palliatives Netzwerk werden empfohlen.
  • Die Behandlung von adoleszenten und erwachsenen 5q-SMA-Patient*innen mit Medikamenten, die die Produktion des SMN-Proteins erhöhen, ist indiziert.
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