Kapitel: Hirnnervensyndrome und Schwindel

Therapie der idiopathischen Fazialisparese (Bell's palsy)

Stand: 28. Februar 2022

Entwicklungsstufe: S2k
Online seit: 23. Mai 2022

Gültig bis: 27. Februar 2027

Zuletzt bearbeitet am: 23. Mai 2022

AWMF-Registernummer: 030/013

Federführend:
Prof. Dr. Josef G. Heckmann, Landshut josef.heckmann@klinikum-landshut.de

PDF-Download
Clinical Pathway (PDF)
Tabelle Erklärung von Interessen (PDF)
Archiv LL 2017
Archiv LL 2012
Archiv LL 2008
Zitierhinweis
Heckmann J. G. et al., Therapie der idiopathischen Fazialisparese (Bell’s palsy), S2k-Leitlinie, 2022; in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am TT.MM.JJJJ)

Herausgeber

Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) e. V.

Beteiligte Fachgesellschaften

  • Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V.
    (DGHNO-KHC)
  • Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN)
  • Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN)
  • Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG)

Bitte beachten Sie: Die Langversion der Leitlinie finden Sie als PDF zum Download oben.

Was gibt es Neues?

  • Die COVID-19-Erkrankung und die Impfung mit dem BNT162b2-mRNA-COVID-19-Impfstoff könnten mit einem gering erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden sein (Tamaki et al., 2021; Shibili et al., 2021).
  • Die Behandlungsempfehlung mit Glukokortikoiden bleibt unverändert bestehen (Madhok et al., 2016).
  • Eine ergänzende virustatische Therapie hat möglicherweise einen Zusatznutzen vor allem bei initial schwerer betroffenen Patienten (Gagyor er al., 2019; Kim et al., 2021).
  • Die Bedeutung der Differenzialdiagnose ist hervorzuheben, da 25–40 % aller Fazialisparesen nicht idiopathischer Genese sind.
  • Bei Schwangeren gelten die gleichen diagnostischen und therapeutischen Prinzipien. Die Glukokortikoidtherapie sollte allerdings unter stationären Bedingungen in einer spezialisierten geburtshilflichen Klinik vorgenommen werden.
  • Für die Beurteilung der Reinnervation nach einer Nervennaht wurde eine Ultraschallmethode vorgestellt (Sauer et al., 2016). Daneben können standardisierte Foto- und Videodokumentationen angewendet werden (Finkensieper et al., 2012).

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

  • Patientinnen und Patienten mit idiopathischer Fazialisparese sollen mit Glukokortikoiden behandelt werden. Die Steroide begünstigen die vollständige Rückbildung und verringern das Risiko von Synkinesien, autonomen Störungen sowie Kontrakturen (NNT 10; 95 % KI 6–20) (Madhok et al., 2016). Empfohlen werden Therapieschemata aus den aktuellsten randomisierten Studien: entweder über 10 Tage 2 x 25 mg Prednisolon (Sullivan et al., 2007) oder über 5 Tage 60 mg Prednisolon mit folgender täglicher Reduktion um 10 mg (Engström et al., 2008). Die morgendliche einmalige Glukokortikoidgabe wäre aus endokrinologischer Sicht zur Anpassung an den physiologischen Cortisolspiegel zu bevorzugen.
  • Eine ergänzende virustatische Therapie kann bei initial schwerer betroffenen Patienten (House-Brackmann V und VI) einen zusätzlichen Nutzen haben (de Almeida et al., 2009; Fu et al., 2018; Gagyor et al., 2019; Gronseth & Paduga, 2012; Jalali et al., 2021; Kim et al., 2021; Numthavaj et al., 2011). Die Entscheidung darüber sollte im Einzelfall im informed consent mit Patientinnen und Patienten getroffen werden.
  • Von großer Bedeutung ist die in der klinischen Praxis bewährte symptomatische Therapie bei passageren Störungen des Lidschlusses zum Schutz der Hornhaut. Randomisierte Studien dazu liegen nicht vor.
  • Bei schwerwiegenden persistierenden Paresen kann eine Oberlidbeschwerung (äußerlich Bleigewichte oder subkutan implantierte Gold- oder Platingewichte) eine Therapieoption zur Protektion des Auges sein. Zudem können operative mikrochirurgische Behandlungsmöglichkeiten wie die chirurgische Rekonstruktion des betroffenen N. facialis (Cross-Face-Nervennaht), die Hypoglossus-Fazialis-Jump-Nervennaht oder ein freier Muskeltransfer erwogen werden (Volk et al., 2010).
  • Für den Nutzen einer Übungsbehandlung gibt es bisher bei geringen Fallzahlen der durchgeführten Studien keine ausreichenden Belege. Sie kann aber aus psychologischen Gründen in Betracht gezogen werden. Der Nutzen von Akupunktur ist nicht belegbar (Chen et al., 2010). Die hyperbare Oxygenation kann nicht empfohlen werden (Holland et al., 2013).
  • In Schwangerschaft und Wochenbett gelten dieselben diagnostischen und therapeutischen Prinzipien wie für die übrige erwachsene Bevölkerung. Wegen der bisher unzureichend untersuchten potenziellen Risiken für den Glukosestoffwechsel sollte eine Prednisolontherapie allerdings zumindest initial unter stationären Bedingungen unter Hinzuziehen geburtshilflicher Expertise vorgenommen werden.
  • Da 25–40 % aller Fazialisparesen nicht idiopathischer Genese sind, kommt der Differenzialdiagnostik große Bedeutung zu. Basis ist die gründliche klinische neurologische Untersuchung sowie die Otoskopie zum Ausschluss eines Zoster oticus. Laborchemisch soll zumindest eine Borreliose-Serologie, bei klinischem Verdacht auch eine Varizella-Zoster-Serologie durchgeführt werden (Zoster sine herpete). Die Liquorpunktion ist bei Kindern obligat, für Erwachsene wird sie empfohlen.

Bitte beachten Sie: Die Langversion der Leitlinie finden Sie als PDF zum Download oben.

Nach oben springen