Die zehn häufigsten neurologischen Erkrankungen

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Neurologen versorgen allein in Kliniken etwa eine Million Patienten pro Jahr [1]. Sie behandeln Patienten mit Volkskrankheiten wie Polyneuropathie und Migräne, aber auch mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Parkinson und autoimmunologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose. Die Schlaganfallbehandlung rückt in der Klinik immer mehr in den Fokus, weil es durch neue Therapiealternativen heute bessere Behandlungsmöglichkeiten gibt. Ihr fragt euch, mit welchen Krankheitsbildern ihr euch als Neurologe beschäftigen werdet? Hier findet ihr zehn Steckbriefe von wichtigen neurologischen Erkrankungen.

Reference: 1. Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Fallpauschalenbezogene Krankenhausstatistik (DRG-Statistik): Diagnosen, Prozeduren, Fallpauschalen und Case Mix der vollstationären Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern. Fachserie 12 Reihe 6.4 (Artikelnummer: 2120640137004) Erschienen am 2014, korrigiert 2015.

1. Schlaganfälle

Schlaganfälle zählen zu den häufigsten Erkrankungen in Deutschland und zu den führenden Ursachen für erworbene Behinderung und Tod. [1] Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland mit ca. 63000 Todesfällen pro Jahr. Nach Abschätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist der Schlaganfall weltweit die Todesursache Nummer Zwei mit geschätzten 5,5 Millionen Todesfällen pro Jahr. Von Schlaganfällen sind vor allem ältere Patienten betroffen. Aufgrund des demographischen Wandels und der zunehmenden Alterung der Gesellschaft werden in Zukunft immer mehr Schlaganfälle behandelt werden. In Deutschland erfolgt die Behandlung von Schlaganfällen zu großen Teilen auf spezialisierten Stroke-Units, auf denen bereits in der Frühphase die Heilungschancen durch kontinuierliche Monitorüberwachung und Zusammenarbeit aller Behandlungsgruppen (Krankenschwestern und Pflegern, Logopäden , Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Ärzten) verbessert werden. Die Behandlungsmöglichkeiten eines ischämischen Schlaganfalles haben sich in den letzten Jahren vor allem beim Eintreffen der Patienten in der Klinik im frühen Zeitfenster deutlich verbessert: So stehen uns mit systemischer Lysetherapie und mechanischer Thrombektomie sowie der frühen Hemikraniektomie bei großen ischämischen Schlaganfällen verschiedene Therapien zur Verfügung, die zu einer deutlichen Verbesserung der klinischen Symptome führen und die Lebensqualität nach einem Schlaganfall deutlich verbessern können.

References: 1. Heuschmann P, Busse O, Wagner M, et al.: Schlaganfallhäufigkeit und Versorgung von Schlaganfallpatienten in Deutschland. Akt Neurol 2010; 37(07): 333–4

2. Hirnblutungen

Es kann aufgrund unterschiedlicher Ursachen zu Blutungen an ganz verschiedenen Lokalisationen des Gehirns kommen. Es wird zwischen Hirnparenchymblutungen (intracerebrale Blutungen), Subarachnoidalblutungen, sub- und epiduralen Blutungen unterschieden. Je nachdem, um welche Blutung es sich handelt, kommen unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten in Betracht. Die spontanen intracerebralen Blutungen entstehen häufig aufgrund von Bluthochdruck. Hier ist eine konsequente Blutdruckeinstellung wichtig und – bei größeren Blutungen oder Blutungen mit Ventrikeleinbruch – kommt die Anlage einer externen Ventrikeldrainage oder die operative Hämatomausräumung durch die Neurochirurgen in Betracht. Subarachnoidalblutungen werden häuftig durch Gefäßfehlbildungen, z.B. Aneurysmata, verursacht. Diese können mittels Coilocclusion (durch die Neuroradiologen) oder Clipping (durch die neurochirurgischen Kollegen) verschlossen werden. Anschließend steht ein engmaschiges Monitoring und die medikamentöse Vorbeugung von Komplikationen im Vordergrund. Sekundäre Ursachen für Hirnblutungen können traumatische, tumorassoziierte oder pharmakologische (z.B. durch orale Antikoagulantien, Kokain, Amphetamine) sein.

Reference: Diener H, Putzki N: Intrazerebrale Blutung. Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. 4th ed. s.l.: THIEME 2008. 

3. Schädel-Hirn-Trauma

Durch Schädel-Hirn-Traumata kann es wie oben beschrieben ebenfalls zu Hirnblutungen – an jeder Lokalisation – kommen. Schädelhirnverletzungen sind bis zum frühen Erwachsenenalter die häufigste Todesursache. Der überwiegende Anteil der Schädelhirnverletzungen, die man im Klinikalltag antrifft, ist leicht (91%). Die vier Prozent mittel- und fünf Prozent schwergradigen Schädelhirnverletzungen sind aber umso behandlungsrelevanter. Von Überwachung und Blutdruckmanagement bis hin zu operativen Verfahren – als Neurologe müsst ihr mit entscheiden, wann welche Behandlung notwendig ist.

Reference: Firsching R, Messing-Jünger M, Rickels E, et al.: AWMF-Leitlinien: Schädel-Hirn-Trauma im Erwachsenenalter (AWMF-Leitlinien-Register Nr. 008/001) 2010. 

4. Parkinson

Das idiopathische Parkinson-Syndrom ist mit einer Prävalenz von 100-200/100.000 Einwohnern in Deutschland eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Durch die älter werdende Gesellschaft ist mit einer steigenden Anzahl von Parkinson-Patienten zu rechnen. Die medikamentöse Therapie des Parkinson-Syndroms ist momentan symptomatisch. Kurative oder neuroprotektive Therapieansätze fehlen. Bei Parkinson-Patienten wird unter anderem der Gehirnbotenstoff Dopamin nicht mehr ausreichend produziert, dadurch kommt es zu Bewegungsstörungen. Typische Symptome dieser Krankheit sind Bewegungsarmut (Hypo- bzw. Bradykinesie), Muskelstarre (Rigor) und Zittern der Extremitäten (Tremor). [1]  Man unterscheidet das idiopathische Parkinson-Syndrom von Erkrankungen, die klinisch ähnlich sind, also z.B. auch mit Bewegungsverarmung oder einem Tremor einhergehen, aber andere Ursachen haben. Zu ihnen gehören beispielsweise die atypischen Parkinson-Syndrome. Zudem können Parkinson-ähnliche Symptome auch medikamentös ausgelöst werden, z.B. nach Einnahme von Neuroleptika oder Antiemetika. Für den Neurologen heißt es also: Genau hinsehen!

Reference: 1. Eggert KM, Oertel WH, Reichmann H: Parkinson-Syndrome – Diagnostik und Therapie: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/010) 2012. 

5. Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) und deren seltene Varianten, die Neuromyelitis optica sowie die akut disseminierte Enzephalomyelitis, ist mit mehr als 120.000 Erkrankten in Deutschland die häufigste chronische ZNS-Erkrankung junger Menschen und die häufigste neurologische Erkrankung, die im jungen Erwachsenenalter zu bleibender Behinderung führt. [1] Beim Krankheitsbild der Multiplen Sklerose werden Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark geschädigt. Dies geschieht durch eine fehlerhafte Immunreaktion, die zu einer Entzündung von Nervenscheiden führt. MS schreitet meist schubförmig voran und hat zunehmende Lähmungen, Störungen der Sensibilität aber auch Persönlichkeitsveränderungen zur Folge. Da die Nervenzellschädigungen überall im zentralen Nervensystem auftreten können, sind die Symptome individuell sehr unterschiedlich. Die medikamentöse Therapie ist vielfältig und zielt auf eine Reduktion der Schubfrequenz ab.

Reference: 1. Gold R: Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/050) 2014. 

6. Hirnhautentzündungen

Die bakterielle Meningitis ist noch immer eine schwerwiegende Erkrankung – nach wie vor sterben etwa 15 bis 20 Prozent der Patienten mit einer Pneumokokken-Meningitis. [1] Eine virale Meningitis verläuft in der Regel weniger schwerwiegend. Die Patienten klagen über Kopfschmerzen, Meningismus und hohes Fieber. Teils kommt es zu Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Verwirrtheitszuständen, Bewusstseinsstörungen und epileptischen Anfällen. Da die Erkrankung einen raschen und lebensgefährlichen Verlauf nehmen kann, sind die schnelle Diagnostik und Einleitung einer (intensiv-) medizinischen Therapie enorm wichtig, um das Überleben der Patienten zu sichern und sie vor bleibenden neurologischen Schädigungen zu bewahren.

Reference: 1. Pfister H: Ambulant erworbene bakterielle (eitrige) Meningoenzephalitis: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/089) 2012.

7. Epilepsie

Die Epilepsie ist eine häufige neurologische Erkrankung. Es handelt sich dabei um eine Funktionsstörung des Gehirns, die gekennzeichnet ist durch eine erhöhte Prädisposition zur Generierung epileptischer Anfälle. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung erleiden mindestens einmal im Leben einen epileptischen Anfall. Das Konzept der Definition einer Epilepsie erfordert jedoch das Auftreten von mindestens zwei unprovozierten Anfällen oder aber eines Anfalls in Verbindung mit Veränderungen des Gehirns, die für eine erhöhte Neigung für das Auftreten weiterer Anfälle sprechen. Etwa ein Drittel der Epilepsien treten erstmals jenseits des 60. Lebensjahrs auf; ein Drittel beginnt bereits im Kindesalter. Die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens an einer Epilepsie zu erkranken steigt daher aufgrund der epidemiologischen Altersentwicklung an. [1] Als epileptischer Anfall wird ein vorübergehender Zustand des Gehirns bezeichnet, bei dem es aufgrund einer pathologischen neuronalen Aktivität des Gehirns zu klinischen Symptomen kommt. Die Präsentation eines Anfalls kann sehr unterschiedlich sein und ist von verschiedenen Faktoren abhängig wie der Lokalisation der Anfallsursprungszone, der Ausbreitungsmuster, der Hirnreifung oder strukturellen Veränderungen des Gehirns. [2] Ursachen für epileptische Anfälle können z. B. akute Hirnerkrankungen, Anlageanomalien oder eine genetische Veranlagung sein, Substanzmissbrauch und Substanzentzug kann zu akut symptomatischen Anfällen führen. So vielfältig also die Epilepsien sein können, so vielfältig ist auch die Behandlung dieser Erkrankung.

Reference: 1. Elger CE: Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/041) 2012. ; 2. Website der Jungen Epileptologen: http://www.junge-epileptologen.de/epilepsie/

8. Kopfschmerzen und Migräne

Die primären chronischen Kopfschmerzen sind eine Gruppe von Kopfschmerzen, die wegen ihres täglichen Auftretens zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen führen. [1] Kopfschmerzen sind häufig: Es leiden bis zu 70 Prozent der Bevölkerung an episodischen Spannungskopfschmerzen, zehn bis zwölf Prozent an einer Migräne, ein Prozent an Kopfschmerzen durch Medikamentenmissbrauch und vier Prozent an chronischen Kopfschmerzen. [1] Unter chronischen Kopfschmerzen versteht man solche, die über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten 15 Tage im Monat auftreten.Frauen leiden häufiger an chronischen Kopfschmerzen als Männer. Es besteht eine Komorbidität von chronischem Kopfschmerz mit Übergewicht, Diabetes und Arthrose. [1] In der Neurologie begegnet man Kopfschmerzarten wie der Migräne besonders häufig. Typische Merkmale der Migräne sind einseitige, pulsierend-pochende Kopfschmerzattacken. Sie werden häufig begleitet von Appetitlosigkeit, Übelkeit, Licht-und Lärmempfindlichkeit. In manchen Fällen können Missempfindungen der Haut, Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen den Kopfschmerzen als Aurasymptomatik vorausgehen. Zu den Auslösern für einen Migräneanfall zählen Stress, bestimmte Nahrungsmittel oder auch hormonelle Schwankungen.

Reference: 1. Straube A: Therapie des episodischen und chronischen Kopfschmerzes vom Spannungstyp und anderer chronischer täglicher Kopfschmerzen: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie 2015. 

9. Polyneuropathie

Polyneuropathien sind generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems. Zum peripheren Nervensystem gehören alle Teile, die außerhalb des Zentralnervensystems (bestehend aus Gehirn und Rückenmark) liegen: Motorische, sensible und autonome Nerven mit ihren Schwann-Zellen und ganglionären Satellitenzellen, bindegewebigen Hüllstrukturen sowie den versorgenden Blut- und Lymphgefäßen. Eine Aufgabe des Neurologen ist die Unterscheidung zwischen Polyneuropathien, Polyradikulopathien und der Mononeuropathia multiplex. Zur Abklärung einer Polyneuropathie gehört die Anamnese, die klinische Untersuchung, elektrophysiologische Untersuchungen und ein Standardlabor. In einigen Fällen sind eine Lumbalpunktion, eine Muskel- , Nerv- oder Hautbiopsie, weitere laborchemische oder eine genetische Untersuchung notwendig.

Reference: Heuß D: Diagnostik bei Polyneuropathien: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/067) 2012. 

10. Gehirntumore

Ein Hirntumor kann aus hirneigenem Gewebe im Gehirn oder Rückenmark entstehen oder auch von den Hirnhäuten (Meningen) oder den Hirn- u. Spinalnerven selbst ausgehen. Pro Jahr erkranken fünf bis sechs von 100.000 Einwohnern an einem Gliom. Ein Gliom kann nur mit bildgebenden Verfahren, in erster Linie mit der Magnetresonanztomographie, festgestellt werden. Gliome können sich innerhalb weniger Wochen entwickeln, daher spielt eine Früherkennung keine Rolle. Lediglich bei seltenen angeborenen Syndromen mit Neigung zur Entwicklung von Gliomen (Neurofibromatose Typ I und II, Li-Fraumeni-Syndrom, Turcot-Syndrom) werden bildgebende Verfahren als Screening-Methode eingesetzt. Metastasen, Zysten oder Lymphome sind Absiedlungen anderer Tumoren im Gehirn und im Rückenmark. Die Art der Behandlung ist eine individuelle Entscheidung und wird oft interdisziplinär, beispielsweise in Tumorkonferenzen, getroffen.

Reference: Weller M: Gliome: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (AWMF-Registernummer 030/099).