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Die Neurologie und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit stärken Drucken E-Mail

Prof_Dr_Wolfgang_Oertel_ungDer neue Präsident der DGN, Prof. Dr. Wolfgang H. Oertel, Marburg, über wichtige Aufgaben der DGN, die aktuellen Herausforderungen in der Neurologie und seine Ziele, die er sich in seiner Amtszeit gesetzt hat.

Immer häufiger hört man, die Neurologie sei eine „Schlüsselmedizin des 21. Jahrhunderts“. Das klingt pathetisch, die Zahlen sprechen allerdings eine deutliche Sprache: Tatsächlich verzeichnen wir seit einigen Jahren einen rasanten Zuwachs: in nur 15 Jahren eine Verdoppelung der Patientenzahlen oder einen Mitgliederzuwachs der DGN um das Vierfache auf derzeit mehr als 6500. Ein Ende dieser Trends ist noch nicht abzusehen: Leider, könnte man sagen, weil unsere alternde Gesellschaft immer mehr neurologische Patienten hervorbringt – zum Glück, muss man aber behaupten, denn die Zuwächse sind auch damit zu begründen, dass die Neurologie immer mehr Patienten zu helfen vermag. Die Neurologie ist heute ohne Zweifel eine aktiv therapierende Medizin.

So erfüllt es mich mit Stolz, von nun an zwei Jahre lang als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) unser so unglaublich dynamisches medizinisches Fach mit gestalten zu dürfen. Und natürlich sehe ich diese Position auch mit Respekt und der gebührlichen Verantwortung: Immerhin gilt es, den hohen Standard der klinischen Neurologie und der Neurowissenschaften in Deutschland nicht nur zu bewahren, sondern auch weiterzuentwickeln.

Der jährliche DGN-Kongress spielt eine zentrale Rolle
Auch unter meinem Vorsitz wird der Vorstand der DGN weiterhin dafür Sorge tragen, dass auf dem Jahreskongress das wissenschaftlich Innovative durch einen optimalen Diskurs konstruktiv und kritisch beleuchtet wird. Gleichzeitig vermittelt die Fortbildungsakademie den Kolleginnen und Kollegen effizient das Bewährte, das dadurch weiterhin breite Anwendung findet. Es steht außer Frage, dass zur Aufgabe der DGN auch die Förderung einer hochrangigen klinischen Fort- und Weiterbildung gehört. Nur gut ausgebildete Neurologen können den Patienten in vollem Umfang gerecht werden.

Die Öffentlichkeitsarbeit verstärken – die Sichtbarkeit der Neurologie in der Medizin verbessern
Ein Schwerpunkt der Arbeit der DGN wird darin liegen, der Bevölkerung Einblicke in die Arbeit und die Bedeutung der Neurologie zu vermitteln – für jeden Einzelnen genauso wie für das Gesundheitssystem und damit für die Gesellschaft. Hierzu wird die DGN verstärkt Öffentlichkeitsarbeit in allen Medien, bei Politikern und Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen und insbesondere in der Berufspolitik leisten. Es gilt, im Konzert der medizinischen Disziplinen den stetig wachsenden Stellenwert der Neurologie zu betonen und ihn auch einzufordern. Dies gilt sowohl in der Ausbildung an der Universität, in der Versorgung im Krankenhaus, aber auch insbesondere in der niedergelassenen Praxis.

Auf weitere Behandlungsfelder fokussieren
Die DGN wird weiterhin darauf achten, dass wichtige Behandlungsfelder wie die Schlaf- und Schmerzmedizin als integrativer Bestandteil der Neurologie entwickelt und gesichert werden. Darüber hinaus besteht kein Zweifel, dass die Neurologie mittlerweile eines der drei Intensiv- und Notfallmedizinfächer ist. Ein drittes großes Thema ist das Feld der Demenz, das gemeinsam mit den psychiatrischen Kollegen erforscht, diagnostiziert und behandelt wird.

Neurologische Notfälle müssen von Neurologen behandeln werden
So gehört es zu unserem Selbstverständnis, dass wir neurologische Notfallerkrankungen selbst behandeln, statt sie lediglich konsiliarisch in Notfallaufnahmen und anderen Intensivstationen mitzubetreuen. Es muss unser Ziel sein, zusammen mit den anderen Fachdisziplinen in Deutschland ein Notaufnahmesystem zu schaffen, in dem der Neurologe stets vor Ort ist, wenn neurologische Akutfälle zu versorgen sind.

Junge Mediziner für die Neurologie begeistern
Zu meinen Schwerpunkten wird die Förderung des Neurologen-Nachwuchses zählen. Eine wissenschaftliche Gesellschaft wird sich nicht weiterentwickeln, wenn sie nicht ausreichend junge Talente anzieht und fördert. Aus diesem Grund werde ich sehr viel Wert darauf legen, mehr kluge Köpfe für die Neurologie zu begeistern und versuchen, ihnen so gute Bedingungen zu schaffen, dass es, wie Prof. Mumenthaler immer wieder betont, „eine Lust ist, ein Neurologe zu sein!“. Die DGN wird mit Hilfe der „Jungen Neurologen“ mehrere Sommerakademien anbieten. Junge Kolleginnen und Kollegen, die noch zögern, eine Ausbildung in der Neurologie zu beginnen, für das Fach zu motivieren. Von großer Bedeutung scheint mir zu sein, dass an den Universitätskliniken bei den Studenten viel mehr als bisher üblich für das Fach Neurologie geworben wird.

Integration von Neurologen in Klinik und Praxis
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Amtszeit wird die Integration von Neurologen im Krankenhaus und in der Praxis sein. Wir müssen mit einer Stimme sprechen und gemeinsam für unser Fach kämpfen. Beunruhigend sind aus meiner Sicht derzeit die schlechte Vergütungssituation unserer niedergelassenen Kollegen sowie die nicht zufriedenstellende Zahl an jungen Kollegen, die sich der Neurologie anschließen wollen. Letzten Endes können wir aber optimistisch sein, denn die Faszination der Neurologie bleibt unbestritten. Mit geeigneten Rahmenbedingungen werden wir mehr hervorragenden Nachwuchs sowohl für die stationär als auch für die ambulant zu versorgenden Patienten gewinnen.

European Academy und German Brain Council: die Neurologie auf europäischer und internationaler Ebene stärken
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie wird sich verstärkt um die Integration neurologischer Fachgesellschaften in Europa bemühen. Unter der Leitung der European Neurological Society ENS und der European Federation of Neurological Society EFNS wird sich die DGN wesentlich an der Austragung des 1. Kongresses der neu zu gründenden European Academy of Neurology im Jahr 2015 in München beteiligen.  Das ist ein klares Signal und eine Verpflichtung für die Deutsche Neurologie, sich auch international stärker zu engagieren.

Damit in Europa alle Hirnfächer mit einer Stimme sprechen können, ist es ein weiteres Ziel, in Deutschland einen German Brain Council zu gründen, in dem sämtliche Gesellschaften, die sich mit der Erforschung, Diagnose, Behandlung und Versorgung von Gehirnerkrankungen befassen, gemeinsam an dem Ziel arbeiten, dass Hirnforschung und Hirnkrankheiten in der Politik und auch in der Bevölkerung eine höhere Sichtbarkeit und Anerkennung in Europa zu verschaffen.

Mein Appell an Sie lautet: Bitte unterstützen sie mich und den gesamten Vorstand in diesen Bemühungen!

Mit freundlichen, kollegialen Grüßen

Prof. Dr. W. Oertel
1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie

Im Januar 2011


Schauen Sie sich das Statement des 1. Vorsitzenden 2011/2012 als Video an.
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